Zweitälteste Schweizer Uhrenmarke Favre-Leuba
Die Uhrenmarke Favre-Leuba setzt auf Selbstvertrauen und ihre 283-jährige Geschichte

In Indien und in der Schweiz ist die Schweizer Traditionsmarke Favre-Leuba und ihre Geschichte seit vielen Jahrzehnten bestens bekannt. Dies will der neue Favre-Leuba CEO Philippe Roten ändern und den Erfolg auf die weiteren wichtigen Märkte ausdehnen. Die neue zugkräftigen Philosophie zeigt die kürzlich lancierte Linie Favre-Leuba Sky Chief.

Die Uhrenmarke Favre-Leuba setzt auf Selbstvertrauen und ihre 283-jährige Geschichte

Die notarielle Gründungsurkunde von Favre aus dem Jahr 1737, eine Taschenuhr aus dem 18. Jahrhundert und die neue Favre-Leuba Sky Chief Chronograph von 2020

Die Quarzkrise der 1970-er Jahre und ihre Auswirkungen

Definitiv gehört Favre-Leuba zu den ältesten Uhrenmarken der Erde. Immerhin reicht die Geschichte der Marke zurück bis ins Jahr 1737. Allerdings, und das muss man auch konstatieren, verlief die Epoche nach der Quarzkrise in den 1970-er Jahren reichlich turbulent. Damals waren Florian A. Favre und Eric A. Favre als Mitglieder der achten Generation der Familie Favre am Ruder.

Den Brüdern und Söhnen des Juristen Dr. Henry A. Favre wurde die Tatsache zum Verhängnis, dass sie, wie übrigens viele Mitbewerber auch, die künftige Bedeutung elektronischer Uhrwerke und ihren preisgünstigen Quarzwerken nicht richtig eingeschätzt hatten. Der Anschluss ging verloren und die Marke geriet ins Schlingern. In dieser misslichen Situation erfolgte eine Integration in die Schweizer Saphir-Gruppe, zu der auch Jaeger-LeCoultre gehörte.

Allerdings litt die renommierte Manufaktur aus dem abgeschiedenen Vallée de Joux unter den gleichen Problemen. Also gelangte das Familienunternehmen 1985 in den Besitz der zum Bacardi-Martini-Konzern gehörenden Benedom SA. Anschließend gelangte die Marke mit einer stilisierten Sanduhr als Logo unter das Dach des französischen Luxusmulti LVMH, wo allerdings wenig für die Marken- und Produktpflege passierte. So kam schließlich am 16. November 2011 die indische Tata-Gruppe zum Zuge. Sie verlegte den Firmensitz nach Zug und startete Bemühungen, die Marke zu alter Bekanntheit und Stärke zurückzuführen.

Seit Anfang 2020 ist dafür Philippe Roten verantwortlich. Zur unabdingbaren Restrukturierung der altehrwürdigen Marke kann der agile Manager auf breite einschlägige Erfahrungen unter anderem bei der Swatch Group, bei Hublot und TAG Heuer zurückgreifen. Dabei kommt ihm zugute, dass Favre-Leuba in den vergangenen Jahren eher in sich ruhte als für Schlagzeilen sorgte. Folglich kam der angestammte Ruf auch nicht zu schaden. Weil es der Marke vor allem im europäischen Raum an Bekanntheit mangelt, muss der neue CEO die überlieferten Werte aufgreifen und in die Gegenwart transportieren. Zu erzählen gibt es über Favre-Leuba und seine 283-jährige Geschichte nämlich sehr viel.

Favre-Leuba

Die Geschichte der Marke beginnt am 13. März 1737. Da nämlich fand die in Le Locle beheimatete Uhrmacherwerkstatt von Abraham Favre ihre erste Erwähnung in einem notariellen Dokument. Der damals 35-Jährige entstammte einer gleichermaßen angesehenen wie eingesessenen und auch betuchten Familie. 1718 hatte er seine Ausbildung zum Uhrmacher begonnen. Die Ernennung zum Maître horloger du Locle erfolgte 1749. Mit dem erwähnten Atelier hatte der ehrgeizige Handwerker den Grundstein für eine Manufaktur gelegt, deren Ruf schon bald weit über die Grenzen der Eidgenossenschaft hinaus reichen sollte.

Als der Patron 1790 im gesegneten Alter von 88 Jahren starb, übernahm Sohn Abraham Favre das Ruder. Gemeinsam mit seinen Söhnen Frédéric und Henry-Louis rief er am 1. Oktober 1792 die Firma „A. Favre & Fils“ ins Leben. Die vierte Generation in Person von Henry-Auguste Favre holte 1815 Auguste Leuba ins Boot. Der Uhrenhändler aus Butte im Val-de-Travers wusste um die Bedeutung internationaler Geschäftsbeziehungen. Er reiste und verkaufte die feinen Taschenuhren in Deutschland, Russland, Kuba, New York, Brasilien und auch Chile.

Henri Auguste Favre 1834

Henri-Auguste Favre ,abgebildet auf einem Ölgemälde des Jahres 1834

Fritz Favre 2

Fritz Favre ehelichte 1855 Adèle-Fanny Leuba

Von Favre zu Favre-Leuba

Wie zu damaliger Zeit nicht unüblich, festigten die beiden Familien ihre Beziehung und Fritz Favre heiratete 1855 Adèle-Fanny Leuba. Unter dem Doppelnamen Favre-Leuba setzte er die Expansionsstrategie seines Vaters Henry-Auguste in Europa, Amerika und Asien erfolgreich fort. 1865 fasste Favre-Leuba sogar als erster Schweizer Uhrenhersteller in Indien Fuß. 
So entwickelte sich der Subkontinent rasch zu einem wichtigen Exportmarkt.

Bei nationalen und internationalen Ausstellungen erhielt die Schweizer Uhrenmarke und ihre innovativen Taschenuhren zahlreiche Auszeichnungen.

Deren Sohn Henri Favre-Leuba übernahm in Folge im Jahr 1908 die Leitung des Familienunternehmens und blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1961 Präsident des Verwaltungsrats. Wegen des größeren Renommees und der höheren internationalen Bekanntheit der Rhônemetropole verlegte er auch den Firmensitz nach Genf.

Favre Leuba Taschenuhr 01a

Favre-Leuba Taschenuhr mit Kalendarium und Mondphasenanzeige, spätes 19. Jahrhundert

Dort formte Dr. Henry A. Favre als Mitglied der siebten Generation aus dem Unternehmen eine international agierende Manufaktur mit gut 300 Mitarbeitern. Der Jurist erkannte auch die Herausforderungen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und handelte entsprechend. Ein eigenes Büro in Mumbai, damals Bombay, baute die starke Position in Indien weiter aus. Weil Favre-Leuba in allen anderen Ländern jedoch kaum noch präsent war, verlangten diese Märkte nach mühevoller Rückeroberung. 

Armbanduhren und eigene Werke

Das Thema Armbanduhr beackerte die Uhrenmanufaktur beispielsweise 1925 mit einem Monopusher-Chronographen. Die Favre-Leuba Datora von 1946 besaß ein Kalendarium. Sorgfältig regulierte Präzisionsuhren konnten beim Observatorium Neuenburg mehrere 1. Preise erringen. Nach der kriegsbedingten Zwangspause nahm Favre-Leuba  in den 1950-er Jahren die Produktion eigener Uhrwerke wieder auf. Das Jahr 1963 stand schließlich im Zeichnen der Eröffnung eines neuen Genfer Firmen- und Produktionsgebäudes. Wie schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts trug die Firma auch wieder den Namen Manufacture d’Horlogerie Favre-Leuba S.A.

Bemerkenswerte Uhrwerke mit manuellem und automatischem Aufzug bescherten dem Familienunternehmen so eine goldene Ära. 1955 brachte etwa das Manufakturkaliber FL101 mit 50 Stunden Gangautonomie sowie großer Unruh für eine optimale Regulierung.

Dieses Qualitätskaliber arbeitete in den Uhrenmodellen Sea Chief, Sea King und Sea Raider. Das zwei Jahre später lancierte Kalender-Kaliber FL102 beseelte wiederum die Datic-Modelle. Ferner gab es die Automatikwerke FL103 und FL104 ohne bzw. mit Datumsindikation.

Im Jahr 1962 sorgte etwas die 2,92 mm flache Kaliberfamilie 25x für Aufsehen. Mit innovativer Zentralsekunde standen die Uhrwerke 252, 253, 257 (Fensterdatum) und 259 (optimierte Datumsindikation) zur Verfügung.

Die mit 272, 273, 277 und 279 analog strukturierte Kaliberlinie 27x besaß keinen Sekundenzeiger. Alle verfügten über zwei parallel geschaltete Federhäuser, welche auf das Minutenradtrieb einwirkten. Die Kaliber 252 und 272 hatten einen Durchmesser von 10½, die übrigen von 11½ Linien. Die Unruhfrequenz lag bei 2,5 Hertz, die Gangautonomie bei gut 40 Stunden. Insider beeindruckte die Zugfeder-Stärke von nur 0,05 mm. Das war in etwa die Hälfte des damals Üblichen und gestattete beachtliche 9¼ Federhaus-Umdrehungen. Zu finden sind diese Uhrwerke beispielsweise im Modell Sea King Twin Power.

Zeitmesser für alle Zwecke

Den Slogan The Swiss Watch for all Climates unterstrich die Bivouac ab 1963 mit integriertem Barometer und Höhenmesser. Den Bergsteigern Michel Vaucher und Walter Bonatti rettete diese Tool Watch im August 1964 beim Erklimmen der fast lotrechten und deshalb noch unbezwungenen Nordwand der Pointe Whymper in den Grandes Jorasses womöglich das Leben. Zuverlässig wies ihr Barometer auf einen bevorstehenden Wetterwechsel hin. Folglich konnte die Zweier-Seilschaft ein schützendes Lager aufschlagen, so einen heftigen Schneesturm überstehen und die Erstbesteigung am Ende erfolgreich durchziehen.

Favre Leuba Bivouac 1963 Uhrwerk C Uhrenkosmos

Blick aufs Innenleben der Favre-Leuba Bivouac mit Dosenaneroid

Taucher erfreuten sich an der Water Deep von 1960 oder der 1963 vorgestellten Deep Blue mit 200 Meter Wasserdichte. Schließlich verfügte die 1968 lancierte Bathy 50 als weltweit erste mechanische Armbanduhr über einen Tiefenmesser.

Favre-Leuba und der Selbstaufzug

Die erste eigene Automatik-Entwicklung hatte Favre-Leuba 1956 unter der Bezeichnung 103 vorgestellt. Bei ihr sitzt die Automatik-Bau­gruppe mit Wip­penwechsler zur Polarisierung der Rotorbewegungen als komplette Einheit auf dem Basiswerk. Neben der Standardversion mit Zentralsekunde offerierte die Genfer Marke dieses Uhrwerk mit Datumsanzeige (Kaliber 104) und auch Gangreserveindikation. 

Die Zusammenarbeit mit der CHP (Communautée Horlogère de Précision) führte 1961 zu einem neuen Gemeinschaftskaliber. Der Rohwerkefabrikant AS SA produzierte es für Doxa, Eberhard & Co., Girard-Perregaux, Zodiac und Favre-Leuba. Auf der Grundlage dieses Kalibers 1149, dessen Unruh mit drei Hertz oszilliert, präsentierte Favre-Leuba in den späten 1960-er Jahren sogar einen Fünf-Hertz-Schnellschwinger. Ausgestattet war das Kaliber mit der Clinergic-21-Hemmung von FAR (Fabriques d’Assortiments Réunies). Patentierte federlose AS-Klinkenräder bewirkten, dass der Rotor den Energiespeicher wiederum in beiden Drehrichtungen spannt. Das auf dem Kaliber 1149 basierende 1152 besitzt ein Fensterdatum. Dadurch klettert die Bauhöhe von 4,75 auf 5,05 Millimeter.

Als zweite Eigenentwicklung entstand 1968 das Automatikaliber 269. Die so genannte Duomatic basierte auf dem Handaufzugskaliber 251 von 1962. Dabei handelt es sich um eine elegante und flache Konstruktion. Zwei parallel agierende Federhäuser bewirken eine gleichförmige Drehmomentabgabe an das Uhrwerk. Kleinere Abmessungen gestatten eine bessere Raum­ausnutzung. Die einfache Automatik-Baugruppe ist unter einer kleinen hufeisenförmigen Platine angeordnet. Der Kugellagerrotor und das federnde Schieberitzel bewirken den Energienachschub in einer Drehrichtung.

Typisch für die 1970-er Jahre war zum Beispiel die markante Sea Raider mit ausgeprägtem kissenförmigen Design, die Memo Raider mit Automatikwerk und Alarmfunktion sowie die Sea Sky und Sea Sky GMT mit Chronograph und 24-Stunden-Anzeige. Danach verlieren sich jene Spuren, die Philippe Roten in den kommenden Jahren wieder auffrischen möchte. Dabei geht es dem Firmenchef nicht nur um Retromodelle, die den Charme besagter 1970-er Jahre widerspiegeln, sondern auch um gänzlich neue Kreationen.

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