Heldenhafte Chronographen (3/3)
Tutima bene!

Als die Schweizer während des Zweiten Weltkriegs die Rohwerks-Reserven kappten, mussten die Techniker in Glashütte selbst hervorragende Kaliber für ihre Piloten entwickeln. Das Meisterstück gelang – und wird heute neu als Tutima „Tempostopp“ mit neuem Kaliber T659 aufgelegt. Uhrenexperte und Buchautor Gisbert L. Brunner verrät, was diesen Chronographen für ihn so heldenhaft macht.

Tutima bene!

Dass Tutima während des Zweiten Weltkriegs selbst Kaliber für Pilotenuhren entwickeln musste, scheint im Nachhinein ein Glücksfall. Auch die Neuauflage „Tempostopp“ gäbe es sonst nicht.

„Tutima Glashütte“: Alles sicher

 Armbanduhren aus Glashütte sollten für die Allgemeinheit sein, fand der Uhrenhersteller Dr. Ernst Kurtz. So gründete er Ende 1926 ein Firmenkonglomerat,  in dem er die „ROFA‑Uhren‑Rohwerke‑Fabrikation Glashütte AG“ mit der „UFAG ‑ Uhrenfabrik Glashütte AG“ zusammenschloss. Die UFAG stellte primär fertige Armbanduhren her, deren Top-Modelle mit der Signatur „Tutima Glashütte“ auf den Markt kamen. Tutima bezog sich dabei auf das lateinische Adjektiv „tutus“, das so viel wie „sicher, geschützt“ bedeutet.

Fehlendes Know-how bei der Produktion preiswerter Armbanduhr‑Rohwerke holten sich die Sachsen durch den Kauf einer kleinen Schweizer Uhrenfabrik an Bord. Dann brach der Zweite Weltkrieg aus. Boykottmaßnahmen der Schweizer machten ein Umdisponieren notwendig: Plötzlich sahen sich die Sachsen gezwungen ein eigenes deutsches Chronographen-Kaliber für Piloten der Luftwaffe zu entwickeln.

Besser als die Konkurrenz – per Verordnung

Da es jedoch nicht schlechter als die Kaliber der eidgenössischen Fabrikanten sein durfte, setzte das zuständige Ministerium ein detailliertes Lastenheft auf. Demzufolge durfte ein in Deutschland produziertes Kaliber maximal -3 bis +12 Sekunden im Temperaturspektrum zwischen -10 und +40 Grad Celsius von seinem perfekten Gang abweichen. Starke Stöße sollten die Funktion des Werks natürlich ebenso wenig beeinträchtigen wie hohe Querbeschleunigungen. Das Gehäuse hingegen sollte dabei bis zu einem Druck von 1,5 bar (15 Meter) wasserdicht sein, und das für die Dauer von 1,5 Stunden.

Doch es dauerte noch bis 1941, bis das 5,4 Millimeter hohe Kaliber UROFA 59 mit 2,5 Hertz Unruhfrequenz und Breguetspirale bis zur Serienreife gediehen war. Der damit bestückte Schaltrad-Chronograph konnte sich sehen lassen. Er verfügte über eine horizontale Räderkupplung und einen 30-Minuten-Zähler. Auch mit einem „Tempostopp“, sprich einer Flyback-Funktion, war die Armbanduhr ausgestattet. Bis 1945 fertigte die Manufaktur in Glashütte rund 30.000 der 39 Millimeter großen Chronographen mit Drehlünette. Heute werden sie vor allem als Sammlerstücke geschätzt.

Tribut an die Vergangenheit: Tutima Tempostopp

Um zum 90. Geburtstag eine perfektionierte Neuauflage zu präsentieren, gönnte sich Tutima eine Entwicklungszeit von drei Jahren im abgeschiedenen Müglitztal. Das Handaufzugskaliber T659 ist eine handwerkliche Meisterleistung und ein Tribut an Vergangenheit – aber auch an die Gegenwart. So hat die Manufaktur die Unruhfrequenz beispielsweise von 2,5 auf drei Hertz beschleunigt. Stoppen können Uhrenfans mit der 65 Stunden ohne Energienachschub tickenden Uhr auf die Sechstelsekunde genau. Eine Schraubenunruh mit goldenen Masse- und vier Regulierschrauben, deren Gewinde in geschlitzten und damit klemmenden Gewindelöchern drehen, verwendet Tutima als Gangregler. Damit besitzt diese Unruh eine variable Trägheit. So kommt auch eine frei schwingende Breguetspirale zum Einsatz. Eine klassische Schaltradsteuerung für die zeitschreibenden Funktionen und eine übersichtliche horizontaler Räderkupplung gehören natürlich ebenfalls zum Repertoire der Glashütter Armbanduhr.

Das T659 ist ein Tribut an Vergangenheit – dank handwerklicher Perfektionierung aber auch an die Gegenwart.

Die Techniker von Tutima setzen das Uhrwerk mit dem Durchmesser von 33,7 und der Bauhöhe von 6,6 Millimetern aus 236 Bestandteilen zusammen. 28 funktionale Steine kommen dabei zum Einsatz. Dass Tutima den höchsten Qualitätsstandards Genüge leisten will, zeigen die Ausführung des Uhrwerks sowie die Finissage sämtlicher Komponenten.

Das komplexe Uhrwerk betten die sächsischen Uhrmacher in ein 43 Millimeter messendes Roségold-Gehäuse, das am Handgelenk 12,95 Millimeter aufträgt. Obwohl die Manufaktur vom Jubiläums-„Tempostopp“ 90 Exemplare gefertigt hat, schlägt diese Rarität mit moderaten 28.600 Euro zu Buche.

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  1. Alles "tutus" bei Tutima! | Uhrenkosmos - […] 7. April 1970 sicherte er sich außerdem die Rechte an „Tutima„. Mit dem Erwerb eines nahe dem Glashütter Bahnhof…

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