Tudor Geneve und und seine Geschichte (Teil III)
Tudors Weg zum Automatik-Chronographen

Im Zeitalter von Smartphones und -watches könnte man mechanische Chronographen als Fossile bezeichnet. Trotzdem besitzen sie ihren Reiz. Die Biographie der Tudor-Chronographen reicht zurück bis ins Jahr 1970, als die Quarz-Revolution in der Zeitmessung ihren Anfang nahm.

Tudors Weg zum Automatik-Chronographen

Tudor Chronographen von 1970 bis 2019

Schwierige Zeiten für mechanische Armbandchronographen

Eigentlich neigten sich die besten Zeiten für konventionelle Armbandchronographen bereits dem Ende entgegen, als die Genfer Uhrenmarke Tudor die Referenznummer 7031 mit dem Beinamen „Oysterdate“ vorstellte. Der Kalender zeigte das Jahr 1970, allerdings waren bereits im Jahr zuvor erste Quarz-Armbanduhren auf der Bildfläche erschienen. Sie sollten den guten alten Mechanik-Chronographen mächtig zusetzen, denn eine Stoppfunktion war insbesondere bei den Modellen mit Digital-Display sozusagen eine Selbstverständlichkeit.
Noch im gleichen Jahr 1969 stemmten sich die großen Uhrenmanufakturen Breitling, TAG Heuer, Seiko und Zenith dem nachlassenden Interesse an überlieferten Zeitschreibern zwar durch innovative Chronographen mit Selbstaufzugs entgegen. Doch wie die Jahre lehrten, zeigte selbst dies keine nachhaltige Wirkung. In den 1970-er Jahren verschwinden all diese Kreationen jedoch eher sang- und klanglos in der Versenkung. Erst die Renaissance der mechanischen Uhren in den 1980-er Jahren brachte einen Bewusstseins- und damit auch Zeitenwandel.

Tudor “Oysterdate”-Chronographen, v.l.n.r Referenzen 7031/0, 7032/0 und der Prototy des 7033/0. Alle ausgestattet mit dem Eco-Handaufzugskaliber Valjoux 773

Vive la difference!

Zurück zur Marke Tudor und ihren ersten Armbandchronographen. In Ermangelung eines frei verfügbaren Automatikwerks – das Kaliber Valjoux 7750 debütierte bekanntlich erst im Jahr 1973 – setzte die Rolex-Tochter Tudor auf das Valjoux 7734 Werk. Selbiges war zwar robust und zuverlässig aber mit seiner simplen Kulissenschaltung alles andere als eine Augenweide. Nachdem es seinen Dienst hinter einem massiven Schraubboden versah, spielte die optische Komponente allerdings keine sonderliche Rolle. Andererseits haftete dem Start der Tudor Oysterdate in die Welt der Chronographen durch die Verwendung eines Uhrwerks mit manuellem Aufzug ein gewisser Makel an. Dies konnte auch die exaltierte Optik der Referenzen 7031/0 und 7032/0 nicht wirklich kompensieren.
Der Unterschied zwischen den beiden Modellen lag in der Gestaltung des Glasrands mit Tachymeterskala zum Ermitteln von Durchschnittsgeschwindigkeiten. Erstgenannte Referenz verfügte über eine Lünette mit Acrylglas-Inlay. Bei der 7032 hingegen war sie in massivem Edelstahl ausgeführt.

Der heute da und dort zu hörende Spitzname Home plate für die frühen Tudor-Chronographen resultiert aus den eigenartig geformten und farblich auffällig abgesetzten Feldern für die Permanentsekunde und den 45-Minuten-Totalisator bei „3“. Sie erinnern an die Gestalt des Abschlag-Bereichs eines Baseball-Felds.

Das Design des Tudor-Stahlgehäuses mit verschraubten Drückern besaß allerdings unverkennbare Ähnlichkeit mit der  Daytona“, Referenz 6263/0 des Mutterhauses Rolex (siehe rechts). Im Gegensatz zu den Stoppern der Mutter verfügte die Tudor-Oysterdate Gehäuseschale jedoch schon über jenen Flankenschutz für die Schraubkrone, welchen ab 1988 die Rolex Automatik-Referenzen 165xx (Zenith-basiertes Kaliber 4030) und ab 2000 die Referenzen 1165xx mit dem nun hauseigenen Selbstaufzugskaliber 4130  kennzeichnete. Auf das bei Rolex traditionsgemäß nicht vorhandene Fensterdatum der Daytona blickte man bei der Tudor Oysterdate durch eine hilfreiche Zykloplupe.

Der vollauf beabsichtigte Unterschied zur Mutter zeigte sich bei Tudor einmal mehr im Uhrwerk. Mangels eigener Werke verbaute Rolex, wie damals auch die Marken Audemars Piguet, Patek Philippe oder Vacheron Constantin hochwertige Schaltradkaliber der Familie Valjoux 72. In der puristischen Ausführung besaßen diese Uhren auch kein Fensterdatum.

Nie über den Prototypenstatus hinaus kam bei Tudor übrigens die Oysterdate Referenz 7033/0. Ihr Glasrand mit 12-Stunden-Teilung im schwarzen Acrylglas-Inlay ließ sich in beide Richtungen drehen. Auf diese Weise konnte man die Lünette einmal als simplen Ersatz für den bei Kaliber 7734 nicht vorhandenen 12-Stunden-Zähler nutzen. Zu diesem Zweck drehte man den Merkpfeil nach dem Starten des Chronographen rasch zur Spitze des Stundenzeigers. 
Daneben war es dank des 12-Stunden-Rings auch möglich, schnell eine zweite Zonenzeit einzustellen.

Der Sammler-Reiz dieser frühen Tudor Armbandchronographen besteht in der nur ein Jahr währenden Produktionsdauer und den entsprechend geringen Quantitäten.

Genannt Montecarlo

Schon 1971 schlug die Stunde der 40 Millimeter großen, als „Montecarlo“ bekannten Nachfolger. Bei der Referenz 7169/0 brachte Tudor die Drehlünette der nicht seriell produzierten 7033/0 ans Handgelenk. Der Referenz 7149/0 war ein Acrylglas-Inlay mit Tachymeterskala zu eigen, erhältlich in Schwarz oder strahlendem Blau. Auf die „Oyster“ Schale der Mutter Rolex wies unmissverständlich das bekannte Logo auf der Krone hin.

v.l.n.r: Tudor Chronograph “Oysterdate Montecarlo”, Referenzen 7169 und 7149/0 mit blauem oder schwarzem Glasrand. Kaliber Valjoux 234

Diese Merkmale sowie die Verwendung des deutlich hochwertigeren Schaltradkalibers Valjoux 234 wecken heute große Begehrlichkeit. Von diesem Uhrwerk mit drei Hertz Unruhfrequenz produzierte Valjoux zwischen 1970 und 1974 gerade einmal 16.458 Exemplare. In Vergleich dazu entstanden vom Valjoux 72 mehr als 260.000 Stück. Das 7734 hingegen brachte es zwischen 1969 und 1978 auf die stolze Summe von 797.065 Uhrwerken.  

Die Referenz 7159/0 mit satinierter Edelstahllünette und Tachymeterskala löste auch im Hause Tudor 1971 sukzessive das Modell 7032/0 ab.

Wer sich für eine Oysterdate „Montecarlo“ mit Original-Gliederband vom Typ „Oyster“ interessiert, muss heute deutlich mehr als 10.000 Euro investieren. Ein Zeichen für die hohe Wertschätzung.

Oysterdate Big Block Automatik

Nach der Vorstellung des Kalibers Valjoux 7750 im Jahr 1973 führte bei Tudor beinahe zwangsläufig kein Weg an einem Automatik-Chronographen mehr vorbei. Infolge der beachtlichen Dimensionen des Uhrwerks mit vier Hertz Unruhfrequenz, Kulissenschaltung und einseitig wirkendem Kugellagerrotor kam der Spitzname „Big Block“ nicht von ungefähr. Bei 30 Millimetern Durchmesser baut dieser zeitschreibende Dauerbrenner stattliche 7,9 Millimeter hoch. Untrügliche Kennzeichen sind die auf senkrechter Achse angeordneten Totalisatoren für Minuten und Stunden.

Die Tudor Prince Oysterdate “Big Block”. Referenz 9430/0, Rechts die “Exotic”-Variante mit orangen Farbelementen. Die Sekundenskalierung trägt den vier Hertz Unruhfrequenz des Kalibers Valjoux 7750 noch nicht Rechnung. Die Schwungmasse wurde im Transfer-Druckverfahren signiert.

Auch die dritte, während der Basler Uhrenmesse des Jahres 1976 vorgestellte Chronographengeneration im Hause Tudor war in verschiedenen Ausführungen erhältlich. Am Zifferblatt stand entweder „Chrono Time“ oder “Automatic-Chrono Time“ zu lesen. Merkmal der Referenz 9430/0 ist eine Edelstahllünette mit Tachymeterskala. Selbige besitzt auch die in Sammlerkreisen „Exotic“ genannte Variante. Der Beiname rührt her aus dem speziell gestalteten Zifferblatt mit orangefarbenen Zahlen für Minuten und Sekunden sowie einem gleichfarbigen Chronographenzeiger. Einmal mehr trägt der Gehäuseboden den Schriftzug „Original Oyster Case by Rolex Geneva“.

Tudor Prince Oysterdate “Big Block Exotic Square Guards”, Referenz 9420/0

Blau ist schließlich ein Erkennungszeichen des Tudor AutomatikchronographenExotic“-Referenz 9420/0. Dabei auffallend, der ausgesprochen kantige Flankenschutz für die Aufzugs- und Zeigerstellkrone.

Das Jahr 1989 brachte bei Tudor deutlich sachlicher gestaltete Zifferblätter beim “Big Block“-Chronographen. Mehr dazu bald hier im Uhrenkosmos.

Tudor Genf und seine Geschichte Teil I
Tudor Gend und seine Geschichte Teil II

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