Patrick Pruniaux steuert Ulysse Nardin in die Zukunft
Ein tickendes Torpedoboot fürs Handgelenk von Ulysse Nardin

Patrick Pruniaux leitet die Uhrenmarke Ulysse Nardin seit Sommer 2017. Zu seinen chronometrischen Erstlingswerken gehört der Marine Torpilleur Military. Diese Armbanduhr erinnert an ein historisches Torpedoboot, schauen Sie selbst.

Ein tickendes Torpedoboot fürs Handgelenk von Ulysse Nardin

Klassischer Auftritt aber doch markant: Ullysse Nardin Marine Torpilleur Military

Ulysse Nardin unter neuer Leitung

Retrospektiv mag man sich gar nicht mehr ausmalen, was in den frühen 1980-er Jahren ohne Rolf W. Schnyder aus Ulysse Nardin (UN) geworden wäre. Unter anderem durch verfehlte Produkt- und Vertriebspolitik hatte sich die 1846 gegründete Traditionsmarke vollkommen ins Abseits manövriert. Nach der Übernahme durch den visionären Unternehmer im Jahr 1983 wehte in Le Locle ein frischer, von innovativem Denken geprägter Wind durch die angestaubten Gemäuer. Silizium in mechanischen Uhren war ab 2000 Gegenstand intensiver Überlegungen. Insofern verkörperte der 2001 lancierte „Freak“ mit „Dual Direct Hemmung eine echte Revolution. 2007 brachte Silizium-Hemmungsteile mit synthetischer, nano-kristalliner Diamantschicht, „DIAMonSIL“. Im gleichen Jahr präsentierte das Unternehmen „InnoVision 1“ mit insgesamt zehn chronometrischen Neuerungen.

Kurz nach der Baselworld 2011 starb Ulysse Nardin-Mehrheitseigentümer Rolf Schnyder. Ihm folgte als CEO Patrik P. Hoffmann nach. Seit 2014 gehört die Traditionsmanufaktur zum französischen Kering Luxuskonzern. Während des Genfer Uhrensalon SIHH 2017 debütierte die Konzeptuhr „InnoVision 2“, welche abermals zehn uhrmacherische und technologische Innovationen aufweist. Ende August 2017 übernahm Patrick Pruniaux in Le Locle das Ruder.

www.ulysse-nardin.com

Patrick Pruniaux trat bei Ulysse Nardin in die Fußstapgen von Patrik P. Hoffmann

Patrick Pruniaux trat bei Ulysse Nardin in die Fußstapgen von Patrik P. Hoffmann

Chronometrisches Erstlingswerk

Auf dem Uhrensektor kann der 45-Jährige von 2005 bis 2014 Erfahrungen bei TAG Heuer und danach beim Launch der Apple Watch vorweisen. Zu seinen Erstlingswerken gehört die neue „Marine Torpilleur Military“. Ihr Name erinnert an kleine, schnelle und bis 1945 genutzte Torpedoboote. Marinechronometer gehörten zur Standardausstattung dieser Kriegsschiffe. Auf diesem Gebiet der Präzisionszeitmessung kann die in Le Locle beheimatete Manufaktur jahrzehntelange Expertise vorweisen.

Desgleichen verstand sich das Unternehmen auf Deckuhren, mit denen die Zeit von stationären Präzisionspendeluhren an Bord getragen wurde. Als eine Art moderner Marinechronometer versteht sich die neue Edelstahl-Armbanduhr. Im 44 mm großen Zeitmesser, den es wahlweise mit schwarzem oder weißem Zifferblatt gibt, tickt das hauseigene, COSC-zertifizierte Automatikkaliber UN-118. Zu seinen Merkmalen gehören Rotoraufzug, 60 Stunden Gangautonomie, Gangreserveanzeige, Fensterdatum. „DIAMonSIL“-Hemmung und Silizium-Unruhspirale. Der massive Boden des sandgestrahlten, bis fünf bar wasserdichten Gehäuses zeigt einen Torpilleur. Ulysse Nardin hat die Edition auf zwei Serien à 300 Exemplaren limitiert. Jede Uhr zum Preis von 7.900 Euro begleitet eine fünfjährige Garantie.

Im Gespräch mit Uhrenkosmos: Patrick Pruniaux

Gratulation zur neuen Position. Durch Ihre Tätigkeit unter anderem bei TAG Heuer und dann bei Apple kennen Sie das Uhrenbusiness schon sehr gut. Empfinden sie den Wechsel zu Ulysse Nardin, einer speziellen Marke, als besondere Herausforderung?

Patrick Pruniaux: Ulysse Nardin ist in der Tat etwas Besonderes.

Die Marke mit tief reichenden Wurzeln stellt sicher hohe Anforderungen an die Leitung. Beispielsweise auch mit Blick auf den einstmals wichtigsten, derzeit aber nicht eben einfachen Markt Russland.

Die Herausforderung ist gar nicht so groß, da Ulysse Nardin auf einem sehr starken Fundament ruht. Das ist ein Faktum, welches man sich nicht kaufen kann. Man hat es oder wie andere Marken eben nicht. Das war das Faszinierende für mich an Ulysse Nardin. Apple verlässt man nicht leichtfertig. Das überlegt man sich mindestens zwei Mal. Als ich mich mit den Vertretern von Kering traf, entdeckte ich bei der Gruppe selbst schon sehr viele Werte und ich stieß darüber hinaus auf eine Marke mit sehr viel Potenzial. Zusammen mit dem existierenden Team habe ich die große Chance bei Ulysse Nardin ergriffen. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich den faszinierendsten Wechsel in meiner bisherigen Karriere vollzogen habe.

 Sie kommen von der Apple Watch, mittlerweile die weltweit größten Uhrenmarke noch vor Rolex zu einer Art Fossil. Oder sehen Sie das anders.

Nein, ich sehe das nicht ganz so. Am Ende des Tages sind Uhrenliebhaber und Konsumenten irgendwie die gleichen. Ich sehe viele Leute, die gleichzeitig eine Apple Watch und eine Uhr von Ulysse Nardin besitzen. Das sind in meinen Augen oft die gleichen Leute, nicht der eine oder der andere. Man kann doch heute nicht mehr ignorieren, dass die Apple Watch an eine unglaubliche Vielzahl von Menschen verkauft wird. Und es ist unsere Aufgabe, bei ihnen sukzessive den Wunsch zu wecken, eines Tages eine traditionelle mechanische Armbanduhr zu besitzen. Oder sie vielleicht zur überlieferten Uhrmacherkunst zurückzuführen. Das betrachte ich als eine der Herausforderungen.

Haben Sie sich schon vor Ihrem Wechsel mit Ulysse Nardin beschäftigt?

Der Marke folge ich schon seit längerem und ich hatte früher auch schon einmal Kontakte mit der Vertriebsmannschaft. Ich habe mit den Produkten beschäftigt und dabei das Mystische entdeckt, welches der Marke innewohnt. Genau lässt sich das nicht beschreiben. Aber ich habe immer gespürt, dass in Le Locle eine Menge Innovation geschieht. Und Ulysse Nardin hat ausgesprochen loyale Kunden. Wer einmal zur Marke gefunden hat, bleibt auch dabei. Und das empfand ich als sehr attraktiv. Ich liebe die See, wo Ulysse Nardin durch die Marinechronometer traditionsgemäß zu Hause ist. Ich segle, tauche, betreibe Kitesurfen.

Blick in die Zukunft

Wenn wir schon beim Segeln sind: Bleibt Ulysse Nardin Partner des schwedischen Artemis Teams beim America’s Cup?

Die See ist ganz generell ein starkes Universum. Die See kann sich auf unterschiedliche Weise ausdrücken. Da müssen wir ganz generell dabei bleiben, denn auch die Marke kann sich in Bezug auf die See ganz unterschiedlich darstellen. Mit Artemis hatten wir eine großartige Partnerschaft und wir sind in Diskussion über die gemeinsame Zukunft. Aber eigentlich gibt es keinen Grund, die Kooperation zu beenden.

Die Parallele zwischen Apple und Ulysse Nardin lässt sich unter der Schlagzeile Innovation zusammenfassen. 2001 war Ulysse Nardin die erste Marke, welche Silizium in mechanischen Uhrwerken verwendete. Für die Chips in elektronischen Uhren braucht es ebenfalls Silizium. InnoVision 2 war bei Ulysse Nardin Anfang 2017 ein gewaltiger Schritt in die Zukunft. Bleiben Sie auf diesem Weg?

Ein ganz klares Ja an dieser Stelle. Rückblickend kommt Ulysse Nardin eindeutig von der klassischen Seite, wie unsere neuen Modelle beweisen. Aber auch die innovative Komponente löst großes Entzücken aus. Einmal bei den angestammten Uhrenliebhabern, dann aber auch bei der jüngeren Generation. Unsere InnoVision mit zehn Neuerungen würde ich mit einem Formel-1-Boliden oder einem Top-Segelboot vergleichen. Manche Elemente von dort bringen wir nun ans Handgelenk.

Was zum Beispiel?

Ich denke an den Grinder, unseren hoch wirksamen Selbstaufzug in der InnoVision 2. Er ist doppelt so effizient wie Bekanntes. Da müssen wir unbedingt weiter machen und dieses Produkt stärker kommerzialisieren. Über die Maßen pushen muss ich dabei übrigens nicht, denn unser Forschungs- und Entwicklungsteam ist ohnehin immer mit Feuer und Flamme bei der Sache.

Ihr Grinder ist in der Tat ein außergewöhnlicher Selbstaufzug. Findet man den eines Tages in einem ganz normalen Automatikwerk?

Dazu kann ich momentan nur eines sagen: Es ist durchaus denkbar.

Also wäre zum Beispiel das UN-118 eines Tages in modifizierter Form mit Grinder-Aufzug möglich?

Warum denn nicht? Wir denken immer an unsere Kunden. Wenn ihnen das etwas bringt, werden wir selbstverständlich handeln. Das gilt auch für andere Uhrwerke. Wir denken gegenwärtig intensiv nach. Aber der Grinder ist ja nur eine von zehn Innovationen in der InnoVision 2. Da gibt es sehr viel Optimierungspotenzial.

Zu Beginn des Jahres 2017 startete Ihr Vorgänger Patrik Hoffmann mit der fünfjährigen Garantie für die Manufakturprodukte von Ulysse Nardin. Hat sich das bewährt?

Absolut ja. Es zeigt das Vertrauen, welches wir in unsere Produkte setzen. Unser Qualitätsanspruch ist immens hoch. Und der Level, den wir mittlerweile erreicht haben, ebenfalls. Wir bewegen uns außerdem in einer Preisregion, wo Kunden ein bestimmtes Serviceniveau erwarten. Selbiges bieten wir und unsere Kunden wissen das zu schätzen. Aber es ist ja nicht nur die Dauer der Garantie. Wir sprechen auch von der Geschwindigkeit, mit der wir Servicefälle abarbeiten. Ich habe mir da ein Beispiel an Apple genommen, die einen fantastischen Kundendienst bieten. Wir tun Gleiches in unserer ganz anderen Welt. Und das sind echte Werte für unsere Klientel.

Trackbacks/Pingbacks

  1. Patrick Pruniaux leitet neben Ulysse Nardin künftig auch Girard-Perregaux - […] chronometerische Karrierre von Patrick Pruniaux startete 2005 bei TAG Heuer. Von dort wechselte er zum Launch der Apple Watch…

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


CAPTCHA-Bild
Bild neu laden