Die neue Cartier Armbanduhren-Linie „Cartier Privé“ zelebriert das 1906 von Louis Cartier kreierte Modell „Tonneau“
SIHH 2019: Vive le Tonneau!

Nach der 1904 vorgestellten „Santos“ trug auch die 1906 ebenfalls von Louis Cartier gezeichnete „Tonneau“ maßgeblich zur gestalterischen Emanzipation der Armbanduhr vom Taschenuhr-Design bei. In der Linie „Cartier Privé“ erlebt diese langgestreckte Zeit-Ikone während des SIHH 2019 ein Comeback. Ein Rück- und Ausblick vom Uhrenkosmos.

SIHH 2019: Vive le Tonneau!

Louis Cartier und sein Modell "Tonneau "im Laufe der Zeit

 Tribut an die Mode

Im Gegensatz zum Leben mit der Mode ist jenes mit der Zeit prinzipiell nicht an bestimmte Trends gebunden. Dennoch offenbart der Blick in die Annalen der Zeitmessung, dass Zeitgeist-Strömungen ihren Einfluss auf die Gestalt von Uhren niemals verfehlten. Weit mehr als die in Tasche oder Gürtel getragenen Uhren unterlagen die am Handgelenk befestigten Zeitmesser dem regelmäßigen Diktat der des aktuell angesagten Stils. Der Grund: An derart exponierter Stelle lassen sie sich vor den neugierigen Blicken interessierter Mitmenschen kaum verbergen. Wer also in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts mit der Mode gehen wollte, und das waren in erster Linie die Damen, zeigte dies zunächst einmal durch den generellen Besitz einer Armbanduhr. Sofern diese auch noch formal vom üblichen Rund abwich, offenbarte sie ausgeprägtes Modebewusstsein.

Fassform folgt auf Santos

Das in die Länge gezogene Rund konnte sich bei Armbanduhren nie so recht durchsetzen. Doch schon zwei beherzte Schnitte genügten, um einen Welterfolg zu generieren. Besagtes Oval mutierte zu einer Form, deren deutscher Name trivial und wenig kaufmotivierend klingt: Fässchen. In vornehmem Französisch wandelt sich dieser Begriff jedoch rasch zu tönender Musik in den Ohren. Aus dem biederen Fass wird ein elegantes „tonneau„.
Jene Tonneauform prägte bald das Bild der Armbanduhr in den Roaring Twenties ganz entscheidend mit, obwohl es schon zu Beginn des Jahrhunderts derartige Armbanduhr-Gehäuse gegeben hatte. Zu den Designern mit ausgeprägtem Mut zu Ungewöhnlichem gehörte der französische Juwelier und Uhrmacher Louis Cartier.

1906, also zwei Jahre nach der quadratischen „Santos“ hob er die lang gestreckte „Tonneau“ aus der gestalterischen Taufe. Im Gegensatz zur ebenfalls tonneauförmigen, jedoch eher gedrungenen „Tortue“ (Schildkröte) von 1913 führte die „Tonneau“ bei Cartier jedoch eher ein Schattendasein. Nun soll der Genfer Uhrensalon 2019 diese Armbanduhr mit 112-jähriger Geschichte wieder ins rechte, ihr gebührende Licht rücken.

Hommage an CPCP

Den Schleier über dieser neuen Armbanduhr lüftete Cartier bereits im Vorfeld des kommenden SIHH. Mit dieser Armbanduhr kehrt unter der Ägide von CEO Cyrill Vigneron die Linie in modifizierter Form zurück, die Bernard Fornas, sein Vor-Vorgänger aufgegeben hatte: CPCP.
Ausgangspunkt war das 150. Markenjubiläum im Jahr 1997. Zu diesem Anlass hatte der Nobeljuwelier feierlich das Debüt seiner „Collections Privées de Cartier Paris“ zelebriert.

CPCP ist Vergangenheit. Ganz generell lässt sich das Uhrenbusiness mit einer Pyramide vergleichen. Deren Spitze haben wir mit CPCP bislang zwar nicht vernachlässigt, aber auch nicht sehr intensiv bearbeitet. Wir wollen authentische Produkte und dazu gehören auch eigene Uhrwerke, die es bei CPCP nicht gab.

Bernard Fornas

Ex-CEO, Cartier

Kehrtwende

Im Gegensatz zu Bernard Fornas, der Cartier eine stärkere maskuline Attitüde verpassen wollte sowie die Themen Manufakturarbeit und Höchste Uhrmacherkunst forcierte, knüpft Cyrill Vigneron wieder stärker an die traditionellen Werte von Cartier.

 

Wir müssen … besorgt sein, uns abzuheben – und das können wir, indem wir zu unserem Kern zurückkehren. Cartier ist eine feminine Marke, bei den Uhren steht die Ästhetik im Vordergrund. Wenn wir Sachen machen, die uns nicht wirklich entsprechen, dann verlieren wir uns.

Cyrill Vigneron

CEO, Cartier International

Tonneau zum SIHH 2019

Genau diesem Denken entspricht die nun im Vorfeld des SIHH 2019 vorgestellte Kollektion „Cartier Privé“ – hier als Erstes die langgestreckte „Tonneau“.

Zu „Privé“-Beginn offeriert Cartier zwei verschiedene Modelle, jeweils in Rotgold und Platin, jeweils limitiert auf 100 Exemplare.

An traditionsbewusste Zeit-Puristen wendet sich das große Modell der „Cartier Privé Tonneau“. Bei ihm kümmert sich das Formkaliber 1917 MC um die Bewahrung der Zeit.

Die Fakten zum Cartier Uhrwerk:

Kaliber 1917 MC

Dimensionen 16 x 12,9 mm

Bauhöhe 2,9 mm

Handaufzug

19 Steine

Gangautonomie 38 Stunden

Unruhfrequenz drei Hertz (21.600 A/h)

121 Komponenten

Preise:

Cartier Privé Tonneau Version mit Rotgoldgehäuse: 21.500 Euro

Cartier Privé Tonneau Version mit Platingehäuse: 25.000 Euro

Fassform für Weltenbummler

An Kosmopoliten wendet sich das deutlich kompliziertere und extragroß ausgeführte Modell. Es stellt simultan zwei Zonenzeiten mit Hilfe getrennter Zeigerpaare dar. Diese Armbanduhr knüpft an die im Jahr 2006 anlässlich des 100. Geburtstags dieser signifikanten Uhrenlinie vorgestellten „CPCP Tonneau XL 2 Zeitzonen“. Im 51,4 Millimeter langen und 29,4 mm breiten Weißgoldgehäuse ticken gleich zwei von der Schwester Jaeger-LeCoultre zugelieferte Handaufzugswerke vom Kaliber 9770 MC (15,1 x 12,8 mm, Höhe 2,9 mm). Wahlweise stand auch eine Ausführung mit Gelbgoldschale zur Verfügung.

Dass die Minutenzeiger über kurz oder lang ein wenig voneinander abweichen, liegt somit in der Natur der Sache. Demgegenüber oszilliert im skelettierten Handaufzugskaliber 9919 MC aus eigener Manufaktur nur eine Unruh. Seine Konstruktion erinnert an die 1912 für Movado patentierte „Polyplan“. Die Tüftler aus der Uhrenmetropole La Chaux-de-Fonds hatten erkannt, dass die Verwendung runder Uhrwerke in bananenförmigen Gehäusen wertvollen
Raum vergeudete. Platz, den man effektiv für größere Bauteile und damit unter anderem höhere Präzision nutzen konnte. In diesem Sinne konstruierten sie ein langgestrecktes Kaliber mit gleich doppelt gekröpfter Platine. Die damit ausgestatteten Armbanduhren passten sich mühelos den Rundungen des Handgelenks an.

Die 1912 für Movado patentierte Polyplan besaß ein doppelt gekröpftes Uhrwerk.

Die 1912 für Movado patentierte Polyplan besaß ein doppelt gekröpftes Uhrwerk.

Ähnliches ist auch bei der neuen Tonneau von Cartier der Fall. Beim durchbrochen gestalteten Kaliber 9919 MC mit speziellem Zeitzonen-Dispositiv lassen sich die Zeiger in gewisser Weise unabhängig voneinander handhaben. Per oberer Krone bewegen sich die Paare wie gewohnt in beide Richtungen.
Durch Betätigung des als Drücker ausgebildeten unteren Pendant springt der dortige Stundenzeiger schrittweise vorwärts. Beim Landen in Tokio heißt es also acht Mal drücken. Wer hingegen beispielsweise in Los Angeles ankommt, muss ein wenig um die Ecke denken, und die neun Stunden gegenüber der Mitteleuropäischen Zeit von 12 subtrahieren und folglich den Bedienknopf nur drei Mal leicht anstoßen.

Die Fakten zum Uhrwerk:

Kaliber 9919 MC (Manufaktur)

Dimensionen 37,8 x 24 mm

Bauhöhe 7,9 mm

Handaufzug

35 Steine

Gangautonomie 60 Stunden

Unruhfrequenz vier Hertz (28.800 A/h)

197 Komponenten

Die Preise:

Cartier Privé Tonneau Dual Time skelletiert Version mit Rotgoldgehäuse: 65.500 Euro

Cartier Privé Tonneau Dual Time skelletiert Version mit Platingehäuse: 75.000 Euro

 

Über den Autor

Gisbert L. Brunner

Uhrensammler seit 1964 Journalistische Tätigkeit in Sachen Uhren seit 1981 Autor und Co-Autor von mehr als 30 Büchern über Armbanduhren und namhafte Uhrenmarken

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