Roventa-Henex konstruiert und baut seit 1959 Uhren im Auftrag anderer Marken und Hersteller
Der verschwiegene Privat-Label Dienstleister aus Bienne

Im April 2019 wechselte Jérôme Biard von Corum und Eterna zu Roventa-Henex. Dort kümmert er sich um die internationale Weiterentwicklung des anerkannten Private-Label-Fabrikanten für Armbanduhren.

Der verschwiegene Privat-Label Dienstleister aus Bienne

Roventa-Henex SA steht seit 60 Jahren für die Konstruktion und Herstellung von qualitativ-hochwertigen Uhren für fremde Marken und Hersteller

Business mit Tradition

Was haben Ebel, Chopard, Concord, Frédérique Constant, Heuer, Maurice Lacroix, Parmigiani, Rado wie weitere Uhrenmarken gemeinsam? Es sind zweifellos bekannte Uhrenmarken. In allen Fällen fördert das Studium ihrer Biographie ans Tageslicht, dass sich die Gründer auch mit so genannter Private-Label-Produktion beschäftigten. Und dabei handelt es sich um ein Geschäft, welches traditionsgemäß nach äußerster Diskretion verlangt. In aller Regel möchten die Auftraggeber nämlich nicht mit diesen externen Fabrikanten in Verbindung gebracht werden.

Am Thema Lohnfertigung, neudeutsch OEM genannt, führt in der Uhrenindustrie gegenwärtig wie in der Zukunft kein Weg vorbei. Und so unterhalten gar nicht so wenige Marken ganz bewusst nur geringe oder auch gar keine eigenen Produktionskapazitäten. Stattdessen vertrauen sie auf die Kompetenz einschlägig erfahrener Uhren-Fabrikanten wie dem renommierten Hersteller Roventa-Henex SA aus Bienne.

Blick in die Archive

Die Geschichte von Roventa-Henex als eines führenden Entwicklers und Produzenten von Luxus-Armbanduhren für traditionelle Uhrenmarken, Juweliere und Schmuckhandelsketten reicht zurück bis 1959. In besagtem Jahr startete die Roventa SA ihre Aktivitäten. Und zwar in Biel, der zweisprachigen Uhrmacherstadt am Fuße des Westschweizer Jura.
Im Jahr 1972 fusionierte das Familienunternehmen mit der in Tavannes beheimateten Henex SA. Fortan umfasste das Tätigkeitsfeld alle Aspekte vom Design über die Entwicklung bis hin zur Herstellung unterschiedlicher Zeitmesser. Stets trugen Zifferblatt, Werk und Gehäuse andere Signaturen als jenes ihres Produzenten. Schließlich hatte sich Roventa-Henex von Berufs wegen stets diskret zurückzuhalten.

An dieser Philosophie änderte sich auch 1983 nach der Einweihung eines neuen Gebäudes in Tavannes nichts. Das Jahr 1985 brachte schließlich die Gründung der SWIss TEChnology Far East Ltd. (Switec) in Hong Kong. Diese Tochter mit gegenwärtig acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kümmerte und kümmert sich um die Aktivitäten in Fernost, einschließlich der Qualitätskontrolle dort speziell für preisbewusste Kunden fabrizierter Komponenten.
Wiederum zwei Jahre später, sprich 1987 erweiterte Roventa-Henex seine Fertigungskapazitäten in Tavannes. Eine weitere Baumaßnahme führte 1994 zum administrativen Stammsitz in Biel. Dort ging 1997 der Verkauf ans Management unter Leitung von CEO Marc Küffer über die Bühne. Mit dabei war der Britische Finanzinvestor PPM Ventures. 2005 übernahm die Unternehmensführung alle Anteile selbst. Zwei Jahre danach gelangten der Private-Label-Spezialist mit damals 130 Beschäftigten und einer Jahresproduktion von rund 600.000 Uhren mehrheitlich unter das Dach der deutschen Beteiligungsgesellschaft Argantis. Allerdings blieben die Mitglieder der Geschäftsleitung weiterhin als Aktionäre an Bord.
Im Jahr 2012 übernahm dann Kurt Grünig die Funktion des CEO. Seit 2013 heißt der mit 80 Prozent beteiligte Mehrheitseigentümer Findos. Der Rest verblieb beim Management.
Der 2007 von den deutschen Familien Freudenberg (Vileda) und Voith (Maschinenbau) ins Leben gerufene „Anti-Heuschrecken-Fonds“ mit Sitz in München beteiligt sich in erster Linie an industriellen Mittelständlern mit einem Jahresumsatz von höchstens 250 Millionen Euro. Unter der Findos-Ägide ging 2014 eine komplette Renovierung der Fabrikationsstätte in Tavannes über die Bühne. Bei dieser Gelegenheit erfolgte auch eine Integration aller Tätigkeitsbereich von der Uhren-Assemblage über die Qualitätskontrolle und Logistik bis hin zum Versand in einem einzigen Gebäude.

Roventa-Henex unter neuer Leitung

Im April des Jahres 2019 wechselte Jérôme Biard von Corum und Eterna zu Roventa-Henex. Als CEO obliegt ihm seither die Leitung der internationalen Weiterentwicklung des Unternehmens. Eine maßgeschneiderte Aufgabe für den erfahrenen Manager Biard. Er möchte Roventa-Henex als „à la carte-Partner“ positionieren und sämtliche erforderlichen Ressourcen mobilisieren, um kundenspezifische Problemlösungen, von der Entwicklung eines Produkts bis hin zum vollständigen Aufbau einer Marke, anzubieten.
Die berufliche Karriere des neuen Chefs begann bereits Ende der 1980-er Jahre bei der damaligen Vendôme-Gruppe, welche heute Richemont heißt. Am Anfang standen Engagements bei Baume & Mercier und Piaget.

Anschließend stand Jérôme Biard in den Diensten von Vacheron Constantin sowie der für Uhren, Lederwaren, Parfüms, Accessoires und Schreibgeräte zuständigen Schweizer Dependance von Cartier. 2005 wechselte der Manager als internationaler Verkaufsleiter zu Girard-Perregaux, vier Jahre später zur Weitnauer Holding AG. Diese Unternehmensgruppe betätigt sich auf den Gebieten Duty Free und Markenvertrieb.
2017 schließlich erfolgte die Ernennung zum CEO der zur chinesischen Citychamp Watch & Jewellery Group gehörenden Marken Corum und Eterna.
„Dem Angebot, Roventa-Henex, ein gleichermaßen effizientes wie erfolgreiches Unternehmen zu leiten, das in der Schweizer Uhrenindustrie für seine Seriosität und Diskretion bekannt ist, habe ich Anfang April mit großer Freude und Begeisterung zugestimmt.“ bekannte Jérôme Biard während des Besuchs in Biel. „Roventa-Henex ist nämlich ein echter Markeninkubator und ein beispielhaftes Kompetenzlabor.“

Qualität und Swiss made

Natürlich ist Roventa-Henex mit seinem Geschäftsmodell nicht allein auf weiter Flur. Einschlägig erfahrene Mitbewerber gibt es nicht erst seit der Gründung vor 60 Jahren. Mittlerweile hat sich auch noch fernöstliche Konkurrenz hinzugesellt, welche oftmals mit Dumpingtarifen wirbt. Und genau das stellt für Jérôme Biard eine besondere Herausforderung dar. „Preislich können wir da in aller Regel nicht mithalten. Um unsere führende Rolle dennoch bewahren zu können, müssen wir in unserem Tätigkeitsbereich nicht nur agiler, flexibler und qualitätsbewusster sein als der Mitbewerb, sondern auch ein vollumfängliches Leistungsspektrum vom Design über die Produktentwicklung bis hin zur Fertigung und einem reibungslosen Nachverkaufsservice bieten. Und das alles zu wettbewerbsfähigen Konditionen.“
Zu seinem Kundenkreis verliert der Chef kein einziges Wort. Namensnennungen sind tabu, obwohl renommierte Marken, die für sich gerne in Anspruch nehmen, ihre Zeitmesser selber zu assemblieren, den überwiegenden Teil der Produktion auf Roventa-Henex übertragen haben. Grundsätzlich verknüpft sich damit nicht der geringste Makel, denn Qualität wird bei den gegenwärtig rund 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Biel und Tavannes groß geschrieben. „Mitunter übertreiben wir es sogar mit der gelieferten Qualität. Aber das sind wir unserem angestammten Ruf schuldig.“ betont Jérôme Biard. In dieser Hinsicht unterscheidet sich der umfassend kompetente Lohnfabrikant keinen Deut von einer Fertigung unter dem eigenen Dach. „Wer uns zum Partner wählt, kann sich voll und ganz auf seine Ideen und Visionen sowie die wichtigen Themen Marketing und Vertrieb konzentrieren. Alles andere übernehmen wir. Und wir übernehmen dafür auch die volle Verantwortung.“

Natürlich genügen alle von Roventa-Henex designten, entwickelten und produzierten Zeitmesser den seit 1. Januar 2017 deutlich verschärften Swiss-made-Regularien. Bislang stammten die verbauten Uhrwerke von Eta, Sellita, Soprod und TechnoTime. Bedingt durch die neue Vertriebspolitik des Swatch Group-Mitglieds werden Eta-Kaliber künftig möglicher Weise ganz wegfallen. Bei TechnoTime-Kalibern existieren noch Lagerbestände. Apropos Lager: Im Sinne ausreichender Bestände kauft Roventa-Henex nahezu alles, was dem Unternehmen angeboten wird.

Swiss Made neu

Am 17. Juni 2016 hatte der Schweizer Bundesrat eine Teilrevision der 1971 in Kraft getretenen Verordnung über die Benützung des Schweizer Namens für Uhren gebilligt. Die neue „Swissness“-Gesetzgebung war notwendig geworden, weil Kundinnen und Kunden durchaus bereit sind, für eine Schweizer Qualitätsuhr bis zu 20 oder gar 50 Prozent mehr zu bezahlen. Den Beleg lieferten Untersuchungen der ETH Zürich und der Universität St. Gallen.
Seit dem genannten Datum sind von den Herstellungskosten für eine komplette Uhr inklusive Zifferblatt, Zeiger und Gehäuse mindestens 60 Prozent in der Schweiz zu generieren. Bis dahin bezog sich das „Swiss made“ ausschließlich auf das verbaute Uhrwerk. Letztgenanntes bleibt natürlich weiterhin im Fokus. Mindestens die Hälfte seines Werts muss aus Komponenten eidgenössischer Provenienz bestehen. Zudem müssen mindestens 60 Prozent der Herstellungskosten in der Schweiz anfallen. Schließlich haben künftig auch die technische Entwicklung einer Uhr mit der Herkunftsbezeichnung „Swiss made“ und eines entsprechenden Uhrwerks in der Schweiz zu erfolgen. Übriges trifft die neue Verordnung auch auf so genannte Smartwatches zu, wenn hierfür das „Swiss made“ in Anspruch genommen wird. Beim Vorhandensein entsprechender Lagerbestände konnten Gehäuse und Gläser bis Ende 2018 beim Kalkulieren der Herstellungskosten unterbleiben.

Logischer Weise blieb die Verordnung nicht ohne Folgen für die Schweizer Uhrenindustrie. Manche Hersteller verzichten seit dem Inkrafttreten ganz oder zumindest teilweise auf die Verwendung des „Swiss made“. Das tat übrigens auch die Luxus-Marke H. Moser & Cie. mit mehr als 90 Prozent eidgenössischer Wertschöpfung. Aber aus einem ganz anderen Grund: CEO Edouard Meylan bezeichnete selbst die verschärfte Bestimmung als „unzulänglich und zu lasch“.

Der Kunde ist König und entscheidet

Kunden, die sich mit ihrem Anliegen an Roventa-Henex wenden, können ungeachtet aller Swissmade-Diskussionen das in Anspruch genommene Leistungsspektrum selbst bestimmen. Sie entscheiden, in welcher Preisklasse die Uhren angesiedelt werden sollen, ob im Gehäuseinneren mechanische oder elektronische Uhrwerke agieren sowie ob das fertige Produkt als amtlich zertifizierter Chronometer auf den Markt kommen soll. Je nach Abmachung übernimmt Roventa-Henex oder der Hersteller natürlich selbst die dem Endkunden gegenüber zu leistende Garantie.

Das Quantum der von Roventa-Henex übernommen Arbeiten unterliegt somit prinzipiell gemeinsamer Absprache. Manche der Kunden kommen bereits mit kompletten Designs nach Biel. Andere bringen hingegennur mehr oder minder konkrete Vorstellungen mit. In diesem Fall erfolgen Produktstudien und Entwürfe gegen angemessene Anzahlung. Zu diesem Zweck beschäftigt die Firma einen internen Produktgestalter sowie insgesamt fünf Produktingenieure.
Auf die gemeinsame Abstimmung des Designs erfolgt die technische Umsetzung. Drei Techniker kümmern sich dabei um die Umsetzung des Designs in dreidimensionale Kreationen. Das gilt, falls gewünscht, auch für die Armbänder. Den eigenen Werkstätten obliegt anschließend die Herstellung der Prototypen. Bei der Fertigung des final abgesegneten Produkts in den exakt definierten Stückzahlen kooperiert Roventa-Henex sinnigerweise mit externen Gehäuse-, Zifferblatt-, Zeiger- und Armbandfabrikanten. Das letzte Wort hat final dann eine großzügig dimensionierte Kontrollabteilung. Den Augen der dort erfahrenen Mitarbeitern entgeht kaum etwas. Weil dem nachweislich so ist, verzichten manche der unter anderem in Deutschland, England, Frankreich, Schweden, der Schweiz, Australien und den USA ansässigen Kunden sogar komplett auf eine eigene Eingangskontrolle. Dies spricht zweifelsohne für die Qualität der Arbeit.
Die fertige Uhr kommt anschließend zur Auslieferung. Dabei erfolgt die Lieferung des fertigen Produkts auf Wunsch sogar komplett mit Etui, Bedienungsanleitung und Garantiezertifikat. Ein echtes Komplettpaket.

Erfahrene Konstrukteure sorgen für gleichbleibend hohe Qualität der Roventa-Henex Uhren

Die Erfahrung in der Konstruktion sorgt seit vielen Jahre für hohe Qualität

Auch die Wasserdichtigkeit muss in diesen Apparaten überprüft werden

Die Überprüfung der Wasserdichtigkeit der Uhren

Mit Witschi-Apparaten wird natürlich auch die Ganggenauigkeit überprüft

Die Wischti-Apparaturen dienen wiederum zur Prüfung der Ganggenauigkeit

Diskretion aufgehoben

Seit Januar 2019 bereichert nun auch die Norqain Uhrenmarke die Uhrenszene. Diese Marke geht zurück auf Ben Küffer. Mit von der Partie ist Vater Marc Küffer. Über Jahre hinweg fungierte er als Leiter und Aktionär von Roventa-Henex. Neben diesen Mehrheitseigentümern ist auch Ted Schneider an Bord. Bei ihm handelt es sich um den Sohn von Théodore Schneider, der seine Breitling-Anteile 2017 an CVC Private Equity veräußerte. Bleibt Mark Streit, eine Schweizer Eishockeylegende. Er sorgte dafür, dass die 44 NHL-All-Stars eine Norqain mit individuell gravierter Plakette am Stahlgehäuse tragen. Diese Form der Personalisierung gehört zur Firmenphilosophie und steht somit allen Käufern offen.
Das Preisspektrum des neuen Labels erstreckt sich von rund 1.500 bis 4.000 Euro. In den Schalen ticken zuverlässige und präzise Standard-Automatikwerke. Für die Herstellung der Zeitmesser, und daraus macht Ben Küffer nun nicht den geringsten Hehl, zeichnet Roventa-Henex verantwortlich. Dem Faktum, dass niemand auf Norquain gewartet hat, ist sich der ehemalige Brandmanager des Hauses Breitling vollauf bewusst. „Aber davon lassen wir uns nicht beirren. Irgendwann wollen wir jährlich 10.000 Armbanduhren herstellen und mit Hilfe renommierter Fachhändler, darunter Wempe, natürlich auch verkaufen.“

Die junge Uhrenmarke Norqain

Die Norqain Uhrenmarke ist noch jung und soll wachsen

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