Rückzug eines Uhr-Titanen
Seine Gesundheit ist Jean-Claude Biver künftig wichtiger als beruflicher Erfolg. Als Präsident wird er LVMH fortan beraten.

Nach mehr als 45 Jahren im Dienste der Uhrenindustrie zieht sich Jean-Claude Biver aus dem Tagesgeschäft zurück. Die übergreifende Leitung der drei LVMH-Uhrenmarken Hublot, TAG Heuer und Zenith sowie die Funktion des CEO von TAG-Heuer übernimmt Stéphane Bianchi. Das letzte Wort, ob die Unruh der Uhrenindustrie irgendwann zurückkehrt, ist freilich noch nicht gesprochen.

Seine Gesundheit ist Jean-Claude Biver künftig wichtiger als beruflicher Erfolg. Als Präsident wird er LVMH fortan beraten.

Jean-Claude Biver blickt in die Zukunft

Ganz überraschend kam die Nachricht am 20. September 2018 nicht: Nach mehreren Jahrzehnten im Dienste der Uhrenindustrie, davon 37 Jahre in leitender oder unternehmerischer Funktion, wird sich Jean-Claude Biver aus dem aufreibenden Tagesgeschäft zurückziehen. Bereits während der Baselworld hatte der von anhaltender Krankheit Gezeichnete die Andeutung fallen lassen, dass ihm die Tätigkeit als Ober-Chef der drei LVMH-Uhrenmarken Hublot, Zenith und TAG Heuer kräftig zusetze. Immerhin betätigte sich der damals 68-Jährige in Personalunion auch noch als CEO von TAG Heuer. Speziell für diesen Posten suche er dringend einen geeigneten Nachfolger. Pünktlich zum 69. Geburtstag war der nun endlich gefunden.

Stéphane Bianchi leitet künftig die LVMH Uhrengruppe und als CEO auch TAG Heuer

Stéphane Bianchi wird Jean-Claude-Biver umfassend, sprich in allen seinen operativen Funktionen beerben. Der 53-Jährige ist Absolvent des Pariser Institut d’Etudes Politiques. Nach der Tätigkeit als Berater bei Arthur Andersen arbeitete er die meiste Zeit bei der Yves Rocher Group. Als CEO bescherte er dem Kosmetikunternehmen Yves Rocher und dem Bekleidungshaus Petit Bateau ein starkes Wachstum. Erst kürzlich hatte Bianchi zudem Einzug gehalten in den Verwaltungsrat der stark diversifizierten Schweizer Maus Gruppe mit knapp sechs Milliarden Jahresumsatz.

Uhren waren für Stéphane Bianchi bislang kein Thema. Aber unterstützt von Jean-Claude Biver wird sich der neue Chef rasch in die komplexe Materie einarbeiten. An Aufgaben mangelt es nämlich nicht.

Zurück zu Jean-Claude Biver. Ihn als nimmermüde Unruh der Schweizer Uhrenindustrie zu bezeichnen, ist sicher nicht ganz falsch. Aber in den letzten Jahren kletterte die Frequenz kontinuierlich von drei auf geschätzte 50 Hertz geklettert. Und bekanntlich oszillieren Gangregler 24 Stunden am Tag. Ganz so schlimm war es bei dem Vertreter der 1968er-Generation logischer Weise nicht. Aber sein Bedarf an Ruhe und Schlaf hielt sich immer in engen Grenzen. Emails und SMS beantwortete er gerne schon um fünf Uhr morgens. Uhren sind absolute Passion, seitdem der gebürtige Luxemburger in den späten 1970er-Jahren noch unter Georges Golay bei Audemars Piguet anheuerte. Von dort ging es zu Omega nach Biel. In den Schubladen des kränkelnden Unternehmens entdeckte der studierte Ökonom Fragmente einer nur noch auf dem Papier existierenden Uhrenmarke.

Jean-Claude Biver 1985 beim Bergmarathon am Matterhorn

Zusammen mit seinem Freund Jacques Piguet kaufte er 1981 das von Blancpain übrig Gebliebene. Der ab 1983 geleistete Beitrag zur Renaissance mechanischer Uhren ist mehr als bemerkenswert. Unter Bivers Ägide entstanden uhrmacherische Komplikationen aller Art.

Nach dem lukrativen Verkauf der Blancpain im Jahr 1992 an das, was heute Swatch Group heißt, arbeitete der Ziehsohn von Nicholas G. Hayek in Doppelfunktion für sein ehemalig eigenes Unternehmen und daneben als Mitglied der Konzernleitung auch für Omega. Dort startete er nachhaltige Testimonial-Aktivitäten. Auf sein Konto gehen unter anderem die erfolgreiche Kooperation mit Cindy Crawford, zahlreiche Uhrenmodelle und blendende Zahlen.

Als echter Glücksfall kann das Ende der Tätigkeit für die Swatch Group im Jahr 2003 gelten. Während eines Orientierungs-Sabbatical knüpfte er Kontakt zu Carlo Crocco, dem Eigentümer der heftig darbenden Hublot. Nur allzu gerne hätte Jean-Claude Biver sie gekauft. „Ich wollte meinen Kindern immer eine florierende Uhrenmarke hinterlassen.“ Aber der wohlhabende Italiener mochte partout nicht aussteigen. Sukzessive trennte er sich von lediglich 20 Prozent, die Biver durch einen beispiellosen Erfolg der unter seiner Leitung wie weiland Phönix aus der Asche emporstrebenden Hublot mehr als vergoldete.

Big Bang“ und beispiellose Wachstumsraten führten 2008 zum Verkauf an den französischen LVMH-Luxuskonzern. Beim Einzug Bivers hatte Hublot 26 Million Franken erlöst und tiefrote Zahlen geschrieben. Dank „Big Bang“ bescherten etwa 230 Millionen Jahresumsatz im Jahr 2008 eine rund 15-prozentige Rendite. Der Kaufpreis von knapp 500 Schweizerfranken war damit mehr als angemessen. Nachdem 20 Prozent auf das Konto von Jean-Claude Biver flossen, hätte er sich spätestens zu diesem Zeitpunkt lässig zurücklehnen und intensiv seinen Hobbies Oldtimer, Kühe, Kunst und Wein widmen können.

Weil jedoch genau das nicht in sein Lebenskonzept passt, arbeitete er unermüdlich im Dienste der chronometrischen Sache weiter. Ab 1. März 2014 leitete der international mehrfach ausgezeichnete Unternehmer und Top-Manager in übergeordneter Position die drei LVMH-Uhrenmarken Hublot, TAG Heuer und Zenith. Anfang 2015 schlüpfte er bei TAG Heuer in die Rolle des CEO. Und er lenkte die Marken konsequent in Richtung des angepeilten Ziels von einer Milliarde Schweizerfranken Jahresumsatz. Danach musste Biver ad interim zusätzlich auch die Leitungsfunktion bei Zenith übernehmen.

Spätestens jetzt ließ sich der ehemalige Marathonläufer bildlich gesprochen mit einem Athleten vergleichen, der in einem Ruderboot sitzt und an langen Leinen drei schwere Tanker hinter sich herzieht. Unter dem sorgfältig ausgewählten Nachfolger Riccardo Guadalupe blieb Hublot auf geradem Erfolgskurs. 2018 wird der Umsatz vermutlich die Marke von 600 Millionen Schweizerfranken erreichen. Und auch bei Zenith geht es unter Julien Tornare langsam aber sicher bergauf. Schlechter bestellt ist es seit einem Jahr allein um Bivers Gesundheit. Und dieser Sachverhalt fordert nun seinen Tribut. Eigentlich hatte er vor, bis zum 75. Geburtstag für Bernard Arnault weiterzuarbeiten. Daraus wird nun nichts. „Nach 45 Jahren in der Uhrenindustrie und ein Jahr vor meinem 70. Geburtstag habe ich im Einverständnis mit der LVMH-Gruppe entschieden, dass ich mich als nicht operativer Präsident der drei Uhrenmarken darauf konzentrieren werde, mein Wissen und meine Erfahrungen weiterzugeben.“

Diese schmerzliche Entscheidung ist nicht nur zu akzeptieren, sondern vollauf verständlich. Jean-Claude Biver handelt weise im Sinne der Erkenntnis, dass es besser ist auf dem Höhepunkt eigener Erfolge zu gehen, als irgendwo von einem sinkenden Ast abzuspringen. Bleibt nur, ihm Dank und Anerkennung aussprechen, gute Besserung und einen in jeder Hinsicht erfüllenden neuen Lebensabschnitt zu wünschen. Die Unruh in Jean-Claude Biver wird munter weiterschwingen, nun aber hoffentlich ein gutes Stück langsamer.

Über den Autor

Gisbert L. Brunner

Uhrensammler seit 1964 Journalistische Tätigkeit in Sachen Uhren seit 1981 Autor und Co-Autor von mehr als 30 Büchern über Armbanduhren und namhafte Uhrenmarken

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