Nicolas Beau, Global Head Watches Chanel im Gespräch über die J12 Uhr und den Vorteil einer Beteiligung
„Zuvor haben wir die Uhrmacherei zur Modewelt gebracht. Nun wollen wir die Modewelt zur Uhrmacherei bringen“

Nicolas Beau führt seit 2002 erfolgreich den Chanel Uhren- und Schmuck Bereich. Mit der strategischen Beteiligung an Kenissi ist dem erfahrenen Uhrenmanager ein wichtiger Schritt in die uhrmacherische Zukunft von Chanel geglückt. Das waren seine Gründe.

„Zuvor haben wir die Uhrmacherei zur Modewelt gebracht. Nun wollen wir die Modewelt zur Uhrmacherei bringen“

Nicolas Beau baut weiter auf sein Top-Modell Chanel J12 - setzt aber mit der Zusammenarbeit mit Kenissi auch auf uhrmacherische Qualität

Der Blick nach vorne

Vor 20 Jahren wurde der Chanel Uhrenklassiker J12 auf den Markt gebracht. Er wurde zum Klassiker und steht für die erfolgreiche Platzierung einer Modemarke im Uhrenbereich. Nun wurde in Basel die überarbeitete Version der Chanel j12 vorgestellt. Sie glänzt insbesondere mit einem sehr hochwertigen Werk, dem Kaliber 12.1 von Kinnesi. Diese hochwertige Uhrenmanufaktur war eine 100% Tochter der Rolexgruppe. Grund genug für uns nachzufragen.
Dazu haben wir Nicolas Beau, den Head of Watch und Fine Jewelry von Chanel auf der Baselworld 2019 getroffen und befragt.

Uhrenkosmos:
Mit dem neuen Kaliber 12.1 beginnt bei Chanel eine neue Ära, geprägt von wahren uhrmacherischen Werten. und Wie kam es?

Nicolas Beau: Es ist, wie Sie sicherlich wissen, schon eine einige Zeit her, dass die Swatch Group das Ende der Belieferung mit Uhrwerken ankündigte. Daher machten wir uns auf den Weg, für unsere J12 eine Alternative zu finden. Auch in dem Bewusstsein, dass eine Uhr als Objekt etwas Wunderbares ist. Schönheit kommt aber nicht nur von außen, sondern auch von innen. Diesbezüglich fühlten wir uns mit einem Standardkaliber nicht mehr sonderlich wohl, obwohl das Eta-Uhrwerk wirklich sehr gut funktioniert.

Der Schritt zur neuen Ära vollzog sich ja nicht über Nacht

Nein. Zunächst haben wir begonnen, ein eigenes Uhrwerk im Bereich der Haut Horlogerie zu entwickeln. Aber das ist mit Blick auf die benötigten Techniker und Uhrmacher sehr anspruchsvoll. Ganz abgesehen natürlich von einem sehr guten Design. Auf einem ganz anderen Blatt Papier steht der Ersatz für die verwendeten Eta-Uhrwerke. Hier benötigt man auch mit Blick auf die angestrebte Qualität und einen vernünftigen Preis beinahe zwangsläufig eine gewisse Stückzahl.

Grundsätzlich ist es ja weiterhin nicht leicht, eine Alternative zur Eta zu finden

Das alleine schon deshalb, weil wir nach einem unabhängigen Partner suchten. Nach einem privaten Unternehmen wie wir es sind, welches nicht eines Tages von einer Gruppe aufgekauft werden würde. Ein Unternehmen, das in Sachen Luxus die gleichen Werte pflegt wie wir. Auf diesem Gebiet stehen, wie Sie sich denken können, in der Tat nicht sehr viele Alternativen zur Wahl.

Warum gerade Tudor?

Das Management von Tudor befand sich in exakt der gleichen Stimmung und Situation wie wir. Um sich aus der Abhängigkeit von der Eta zu befreien, riefen sie Kenissi ins Leben. Hier nun stellten wir die uns Frage, warum man nicht zusammenarbeiten könne.

Trafen Sie sich mit Jean-Frederic Dufour?

Es könnte sein, das es noch jemand leicht Ranghöherer war.

Dann muss es die Stiftung und dort Maître Gros gewesen sein

So ist es. Auch mit Blick auf unsere Philosophie und unser langfristiges Denken hieß es bei Rolex: Warum nicht. Und dann brachten wir zum Ausdruck, dass wir gerne zum Kreis der Aktionäre gehören würden. Wir möchten unsere Zukunft nämlich im Griff haben und nicht nur Kunde sein. Die Antwort lautete abermals ja. Und damit fiel der Startschuss für unser spezielles Uhrwerk.

Damals hätte ja vielleicht auch Breitling zum Zuge kommen können. Immerhin gibt es da ja auch eine Kooperation.

Ich denke, dass eine zerstrittene Familie nicht der richtige Partner für eine Beteiligung war.

Als ich von diesem Deal hörte, war ich wirklich erstaunt, dass sich Rolex offen zeigte für eine echte Partnerschaft samt Beteiligung. Die haben das Geld ja eigentlich nicht nötig. Das ist für Rolex eine neue Ära.

Ja, es ist in der Tat eine neue Ära. Gemeinsame Geschäfte hängen aber immer auch davon ab, welche Menschen sich treffen und gemeinsam in die Zukunft blicken wollen. Als wir uns begegneten, merkten wir sofort, dass wir die gleiche Sprache sprechen. Und das hat wirklich geholfen. Mit Tudor pflegen wir nun eine wirklich großartige Partnerschaft. Und das ist gut für alle Seiten.

Neue Möglichkeiten in Partnerschaft mit Kenissi und Tudor

Was fasziniert sie an dem neuen Kenissi Uhrwerk?

Es handelt sich in der Tat um etwas Kraftvolles. Die Technik hinter dem Automatikkaliber 5612 von Tudor ist wirklich gut.

Nutzen Sie auch die Silizium-Unruhspirale im Kaliber 12.1?

Nein. Im Kaliber 12.1 verwenden wir eine Spirale aus einer Metalllegierung. Bekanntlich besteht das Gehäuse der J12 aus Keramik. Und die bietet an sich schon einen besseren Schutz gegen Magnetfelder. Ferner umgeben wir das Uhrwerk mit einem Weicheisenring. Außerdem bestehen Anker und Ankerrad aus einer Nickel-Phosphor-Legierung, welche ebenfalls amagnetisch ist. Silizium besitzt unbestrittene Vorteile, aber auch Nachteile. Langfristig gesehen ist es für Uhrmacher deutlich leichter, ein Uhrwerk mit Metallspirale zu reparieren. Aber ich muss sagen, dass wir uns die Entscheidung nicht leicht gemacht haben.

Beim Blick durch den Sichtboden erkennt man das Tudor-Kaliber nicht sofort

Arnaud Chastaingt, unser Kreativdirektor, der sich während der Baselworld erstmals auch im Zusammenhang mit Uhren zeigt, hat das Dekor des Tudor-Uhrwerks überarbeitet und den Rotor völlig neu gestaltet. Das erkennt man ja nun sofort beim Blick durch den Sichtboden. Wir sind nun mit dem Kaliber 12.1 sehr glücklich und zufrieden.

Wie sieht es denn mit dem Preis gegenüber den J12-Versionen mit dem Eta-Kaliber aus?

Wir haben den Preis für die Ausführungen mit dem exklusiven Kaliber 12.1 um 350 Euro angehoben. Unter Einbeziehung einer fünfjährigen Garantie ist das in meinen Augen sehr moderat. Schließlich liefern wir das Uhrwerk ja auch mit einem offiziellen Chronometerzertifikat. Auch bei der Keramik haben wir technologische Fortschritte erzielt. Fortan besteht auch der Boden des Monobloc-Gehäuses aus diesem Material. Wir verwenden kein Metall mehr und können dennoch auf das Werk schauen. Dank Arnaud haben wir beim Gehäuse 70 Prozent der Komponenten geändert. Und das neue Uhrwerk bringt nun zusätzlich frischen Wind.

Können Sie zusammen mit Kenissi Visionen bezüglich künftiger Uhrwerke entwickeln? Beispielsweise hinsichtlich eines J12 Chronographen. Hier haben Sie ja das Eta 2894 benutzt.

Wir haben ein Programm hinsichtlich verschiedener Werksgrößen aufgestellt. Momentan befindet sich aber noch kein Chronograph in der Pipeline. Tudor nutzt bekanntlich das Breitling B01. Und ein Chronograph ist wirklich etwas sehr Komplexes. Aber falls wir wollten, könnten wir es mittelfristig natürlich tun. Wenn Kenissi 2020/2021 in neuen Räumlichkeiten ist und alle Teams unter einem Dach arbeiten, lassen sich natürlich neue Projekte andenken und auch abarbeiten.

Werden andere Marken auch von Kenissi-Werken profitieren?

Im Kenissi-Board sitzen Vertreter von Tudor und uns. Gemeinsam entscheiden wir , was passiert. Wir haben eine Stimme, aber eben nicht die einzige Stimme. Ich möchte aber betonen, dass unsere Eigentümer Uhrensammler und vor allem auch Uhrenliebhaber sind. Das erleichtert viele Entscheidungen. Bei all dem, was Chanel tut, sind Uhren derzeit jedoch noch ein relativ kleines Betätigungsfeld.

Sehen Sie denn eine Möglichkeit, den Anteil an Kenissi von derzeit 20 Prozent in Zukunft noch zu erhöhen?

Eigentlich nicht. Und in meinen Augen besteht auch keine Notwendigkeit, das zu tun. Ich war schon sehr froh, dass man in Genf unsere 20-prozentige Beteiligung akzeptierte. Mit diesen Menschen hätte in Grunde genommen auch ein Handschlag genügt, um beispielsweise Lieferungen zu besiegeln. Andererseits weiß man natürlich auch nie, zu wem die Hände eines Tages gehören werden. Daher war eine finanzielle Beteiligung an Kenissi wirklich sinnvoll.

Jacques Helleu brachte 2000 die schwarze J12 auf den Markt. 2003 folgte die weiße Version ebenfalls in Keramik. Welches waren die Schlüsselmärkte für diese Uhren?

An erster Stelle stand Frankreich. Dann folgte Italien und auch Japan war erstaunlich stark.

Denken Sie, mit dem neuen Uhrwerk und dem deutlich veränderten Outfit bekommt die J12 einen neuen Schub? Kaufen bisherige Kunden die Uhr aufs neue oder erschließen Sie andere Käuferkreise?

Durch Marktbeobachtungen und Marktstudien rund um den Globus haben wir herausgefunden, dass die J12 wirklich als Ikone wahrgenommen wird. Wir haben uns das immer gewünscht. Aber nun ist das auch wirklich bestätigt. Die Menschen, welche der J12 im Jahr 2000 erstmals begegneten, sind nun auch 20 Jahre älter geworden. Aber es ist eine Generation herangewachsen, die mit dem Thema Uhr ganz anders umgeht. Sie mag unter anderem auch Smartwatches. Unser Ziel ist es, diese Menschen von einem wunderbaren Objekt fürs Handgelenk zu überzeugen. Nicht nur, um dort die Zeit anzuzeigen, sondern auch zum persönlichen Vergnügen.

Die Käuferinnen und Käufer der J12 sind doch zweifellos sehr modebewusst. Verstehen und schätzen sie die wahren Werte? Auch unter Einbeziehung des Kalibers J12.1?

Während der ersten fünf Jahre waren die Kunden in der Tat eher modisch orientiert. Sie liebten das Design, den andersartigen Auftritt einer Armbanduhr, die man aus einer Entfernung von zehn Metern sofort identifizieren konnte. Aber genau das bewirkte ein Bewusstsein für die Uhr im Umfeld der Mode. Hinzu kamen nach fünf Jahren eine Menge Kopien unserer J12. Das bereitete uns natürlich jede Menge Probleme. Wir haben wirklich darunter gelitten, denn die Plagiate wirkten sich auf unsere Umsätze mit der J12 aus.
Aber nach weiteren fünf Jahren wandelte sich das Bild erneut. Besitzerinnen und Besitzer von Fälschungen wollten plötzlich die echte Uhr und keine Kopie mehr. Mittlerweile ist die J12 sehr stark geworden. Sie ist unser Leadermodell. Die nächste Ebene besteht nun darin, Uhrenliebhaber von heute und morgen anzusprechen und zu faszinieren. Hierbei wird uns das neue Uhrwerk mit Sicherheit helfen. Zuvor haben wir die Uhrmacherei zur Modewelt gebracht. Nun wollen wir die Modewelt zur Uhrmacherei bringen. Ein Aufpreis von 350 Euro ist da nicht hinderlich.

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