Besondere Chronographen - wie der Fabergé Visionnaire Chronograph
Nicht zu bremsen! (…nur zu stoppen)

Wahre Helden müssen nicht unbedingt einen Drachen erlegen. Doch mutig sollten sie sein, innovativ und herausragend. Genau diese Eigenschaften hat auch Jean-Marc Wiederrecht und sein Team vom Atelier Genevois d’Horlogerie beim Bau des Visionnaire Chronographen f+r Fabergé an den Tag gelegt. Das Ergebnis bestätigt ihre besonderen Kenntnisse.

Nicht zu bremsen! (…nur zu stoppen)

Das Gehäuse des Fabergé „Visionnaire Chronograph“ schützt ein Schaltwerk der Extraklasse.

Ein Held und seine Herausforderungen

Jean-Marc Wiederrecht und sein Team vom Atelier Genevois d’Horlogerie, kurz Agenhor, lieben die Herausforderung. Zahlreiche Mechanik-Konstruktionen haben die genialen Techniker bereits für renommierte Uhrenmarken entwickelt. Ihr neuestes Meisterstück heißt Agengraphe. Die damit debütierenden Armbanduhren dürfen sich zwar mit dem Schriftzug Fabergé schmücken, jedoch bleibt  das Uhrwerk geistiges Eigentum von Fabergé.

Dieses Label blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Im russischen St. Petersburg schrieb man das Jahr 1842, als der Goldschmied Gustav Fabergé seine Manufaktur gründete. Sohn Carl Fabergé verschlug es nach der Oktoberrevolution von 1917 über Riga, Berlin, Wiesbaden bis nach Lausanne. Seit 2013 befindet sich Fabergé unter dem Dach der Minengesellschaft Gemstone.

Visionär mit Selbstaufzug

2015 stellte die Manufaktur die erste Fabergé mit Komplikation vor. Auf die „Visionnaire 1“ – Tourbillon und die „Visionnaire DTZ“ mit Zeitzonen-Dispositiv von 2016 folgt nun der „Visionnaire Chronograph“. In dessen Innerem tickt mit drei Hertz das AgenGraph Kaliber 6361, dessen Entwicklung ganze acht Jahren in Anspruch genommen hatte. Die Komponenten Unruh und Unruhspirale hat Atokalpa produziert, während Anker und Ankerrad aus Nickelmaterial im LIGA-Verfahren entstanden. Einige dürfte es beim Blick durch den Sichtboden der Armbanduhr wundern: Das 477-teilige Uhrwerk besitzt einen Selbstaufzug, der bei voll gespannten Zugfedern Energie für 60 Stunden liefert. Direkt unter dem Zifferblatt dreht die in beide Richtungen aufziehbare Kugellager-Schwungmasse.

Ein Schaltwerk der Extraklasse

Das eigentlich Meisterhafte an dem 34,40 Millimeter großen, 7,17 Millimeter hoch bauenden Uhrwerk liegt jedoch im Schaltwerk des Stoppers. Dieses Filetstück befindet sich auf der Rückseite der Armbanduhr und besteht neben Altbekanntem wie der Schaltradsteuerung auch aus einigen Innovationen. Eine Kupplung zum Beispiel, die den Stoppmechanismus auf Knopfdruck mit dem Uhrwerk verbindet.

In der Regel kennt man drei verschiedene Arten von Kupplungen: die horizontale Räderkupplung, der Schwingtrieb und die vertikale Friktionskupplung. Zu den Vorteilen der letzteren zählt ihre Energieeffizienz. Sie startet ohne Rucken, baut jedoch vergleichsweise hoch. Darüber hinaus kann man das Ein- und Auskuppeln mit bloßem Auge kaum erkennen. Der Schwingtrieb war Jean-Marc Wiederrecht zu einfach. Viel eher faszinierte ihn die allen Details optisch nachvollziehbare Räderkupplung. Doch hier störte er sich am Chronographenzeiger, der nicht nur ungenau startet, sondern auch nicht ganz gleichmäßig läuft. Weil Wiederrecht sich mit diesen Nachteilen nicht abfinden wollte, machte sich der geniale Uhrmacher daran, die Baugruppe zu überarbeiten.

Die klassischen Kupplungen waren Jean-Marc Wiederrecht zu simpel. So suchte der geniale Techniker nach neuen Lösungen.

Einmal umdenken, bitte!

Statt den üblichen Zahnrädern drücken nach dem Einkuppeln zwei Räder mit rauer Oberfläche gegeneinander. Diese stellen die nötige Reibung her, sodass sich der Chronographenzeiger gehorsam und präzise in Bewegung setzt. Sicherheitshalber hat Wiederrecht auch zwei speziell gezahnte Räder eingebaut. Denn sollte die Friktion einmal versagen, verhindern sie Fehlfunktionen. Zwei springende Totalisatoren zählen die Umläufe des Zeigers – sie reichen bis 60 Minuten und erstaunlichen 24 Stunden. Zwei sich pro Minute und Stunde einmal um ihre Achse drehende Miniaturschnecken machen diese Meisterleistung möglich. Auf ihrer Oberfläche gleiten Hebel, die während dieser Zeitspannen langsam angehoben werden und damit Kraft sammeln. Sobald das Hebelende über die Stufe in der Schneckenscheibe nach unten fällt, wird Schalt-Energie freigesetzt.

Nach dem Stoppen muss der Chronograph nullgestellt werden. Doch Hämmer, die auf Knopfdruck gegen herzförmige Scheiben schlagen, sucht man beim AgenGraph vergebens. Zu unpräzise und nicht effizient genug erschien Jean-Marc Wiederrecht diese Konstruktion. Für das Kaliber 6361 übertrug er Nocken und Spiralfedern diese Aufgabe. Diese liefen geschmeidiger und belasteten die Mechanik nicht so stark, erklärt der Uhrmacher.

Eine Uhr  mit Wiedererkennungswert

Beim Blick aufs Zifferblatt stellt sich beim Kenner ein gewisses Dejà-vu-Erlebnis ein. Die stummeligen Stunden- und Minutenzeiger und die in der obersten Ebene positionierten Chronographenzeiger erinnern an den „Rotonde de Cartier Chronographe Central“. Jedoch hat Wiederrecht sich beim Minutenzähler für eine rotierende Scheibe entschieden. Der Vorteil dieser Anordnung: Die Zeit-Zeiger sind bei Ablesen des Chronographen samt seinen Totalisatoren einfach nicht hinderlich.

Fabergé liefert den „Visionnaire Chronograph“ mit 43 Millimeter hohem und 14,7 Millimeter dickem Gehäuse in Roségold oder Titan. Wer diesen meisterhaften Chronograph besitzen will, muss ordentlich in die Tasche greifen. Die Preise liegen bei 39.500 bzw.34.500 Schweizer Franken.

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  1. Mehr Chrooperation, bitte! | Uhrenkosmos - […] Geschichte von Breitling ist lang und bewegt, so wie es sich für die Manufaktur eines Chronographen-Helden eben gehört. 1915…

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