Skelettuhren neuester Prägung
Uhrmacherische Skelette ex machina

Computer und moderne Fertigungstechniken haben die Herstellung skelletierter Armbanduhren in den vergangenen Jahren revolutioniert. Nun erhalten Uhrwerke schon während des Entwicklungsprozesses eine durchbrochene Gestalt.

Uhrmacherische Skelette ex machina

Herstellung einer skelettierten Werksplatine durch computergesteuertes Fräsen

Maschinenarbeit

Zum Wesen der Zeit gehört bekanntlich steter Wandel. Eine steigende Zahl enthusiastischer Mechanik-Voyeure und bemerkenswerte technische Fortschritte haben dafür gesorgt, dass moderne Skelett-Technologien der gute alten Handwerkskunst zur Seite treten. Will heißen: Die Konstrukteure zielen von Anbeginn auf echten Durchblick und die Herstellung einer skelettierten Uhr. Sofern es sich um hinreichend große Serien handelt, sind Teile der durchbrochen gestalteten Uhrwerke mitunter auch gestanzt. Alternativ entstehen sie in mehr oder minder automatisierten Verfahren durch Fräsen oder auch Funkenerosion.

Echte Handarbeit tritt dabei hinter präziser Maschinenarbeit zurück, ist gleichwohl aber keineswegs vollständig verzichtbar. Beispielsweise wenn es ums Entgraten oder Anglieren von Kanten geht (siehe Foto links) ist weiter Handarbeit gefordert. In punkto Funktion und Technik macht die Moderne  keinen Unterschied. Und Freaks, denen es primär auf optische Aspekte ankommt, messen handwerklicher Feinarbeit ohnehin keine übermäßige Bedeutung zu.

Wichtiger ist dagegen der optimale Durchblick. In diesem Sinne besitzen auch die maschinell durchbrochenen Konstruktionen unbestreitbar ihre Reize. Man muss sie nur mit etwas anderen Augen und durch eine andere Brille betrachten. Bei solchen Armbanduhren rangiert der Eindruck des Ganzen über dem, was der Blick durch die mehrfach vergrößernde Uhrmacherlupe zutage fördert. 

So oder so: Wer eine skelettierte Armbanduhr erwirbt, interessiert sich dafür, „was die tickende Welt im Innersten zusammenhält”.

Nach Vollaufzug besitzt das skelettierte Tourbillon-Kaliber HUB 6017 von Hublot fünf Tage oder 120 Stunden Gangautonomie.

Derartige Zeit-Genossen mit Interesse an einer skelettierten Armbanduhr wollen ganz einfach wissen, wo es mechanisch lang geht. Wie fließt die Kraft vom Federhaus zur Hemmung? Wie funktioniert das Schaltwerk eines Chronographen? Und genau darin besteht doch die Faszination uhrmacherischer Mechanik.

 Ultraflach und skelettiert

Bemerkenswerte Mechanik-Kompetenz stellt z.B. Bulgari seit 2014 durch ausgesprochen flache Uhrwerke unter Beweis. Eindrucksvoller Beleg für diese These ist die „Octo Finissimo Skeleton”. Ihr  durchbrochen konstruiertes und mit Hilfe von Präzisionsmaschinen auch derart gefertigtes Handaufzugswerk vom Kaliber BVL 128 SK baut 2,35 Millimeter hoch. Sein Durchmesser liegt bei 36 Millimetern und die gespeicherte Energie im Federhaus, gemeinhin Gangreserve genannt, reicht bis zu 65 Stunden. 

Wie es um die aktuell verbleibende Gangautonomie bestellt ist, lässt bei dieser Bulgari Octo Finissimo Skeleton eine Indikation bei „9“ wissen. Die 40-Millimeter-Schale aus DLC-beschichtetem Stahl mit Roségold-Lünette sowie Saphirgläsern vorne und hinten ist überdies bis zu drei bar Druck wasserdicht.

Ein Hoch dem Fässchen

An Kosmopoliten wendet sich dagegen die „Tonneau Dual Time Zone Squelette“ von Cartier.

Zwei getrennte Zeigerpaare stellen unterwegs oder zu Hause simultan zwei Zonenzeiten dar. Im 52,4 Millimeter langen und 29,8 mm breiten Platingehäuse der Referenz W1547951 tickt dabei das von den Cartier-Technikern und Uhrmachern selbst entwickelte und in der Manufaktur gefertigte Skelett-Kaliber 9919. Seine beiden Zugfedern müssen auch erst nach spätestens 60 Stunden manuell, also per Handaufzug gespannt werden.

Ganz „im Süden“ vollzieht bei diesem skelettierten Kaliber nur eine Unruh stündlich 28.800 Halbschwingungen. Dank ausgeklügelter Konstruktion lassen sich jedoch beide Zeigerpaare mit Hilfe zweier Kronen unabhängig voneinander ein- und verstellen.

Skelettierter Regulator

Für markanten Auftritt gibt es auch Alternativen, wie diese auf 30 Stück limitierten ChronoswissFlying Grand Regulator Skeleton“. Dafür sorgt einmal die 44-mm-Edelstahlschale mit schwarzer DLC-Beschichtung, zum anderen das Rot des Zifferblatts und der davor rotierenden Zeiger. Der zentrale Zeiger für die Minuten trägt am hinteren Ende einen weißen Stummel. Zusammen mit einer spiegelverkehrten Minutenskala ersetzt er jene Indexierung, welche der trichterförmige Stundenring überdeckt. Durch den Sichtboden zeigt sich dabei das skelettierte Handaufzugskaliber C. 677S.

Schwarz und durchsichtig

Ganz anders, nämlich transparent präsentiert sich die neue „Boy-Friend Skeleton Edition Noire“ von Chanel. Die bei der „12“ positionierte Zugfeder des schwarz beschichteten „Calibre 3“ muss dabei gespannt werden, ein Rotor hätte auch hier den Gesamteindruck gestört. Die Gangreserve nach Vollaufzug reicht bei dieser skelettierten Chaneluhr bis zu 55 Stunden. Aus Edelstahl besteht das Gehäuse in den Dimensionen 28,6 x 37 Millimeter, aus Keramik hingegen der vordere Glasrand. Dem Druck des nassen Elements widersteht die Armbanduhr bis zu drei und ist somit ausreichend wassergeschützt. Chanel hat die Edition für Ästheten auf insgesamt 55 Exemplare limitiert.

Tourbillon mit Durchblick

Alles Überflüssige hat auch Girard-Perregaux beim Manufakturkaliber GP09400-1035 mit Mikrorotor-Selbstaufzug weggelassen. Die insgesamt 80 Teile des darin rotierenden Titan-Tourbillons bringen sogar nur 0,25 Gramm auf die Waage. Für dessen Gang speichert das unter der oberen Brücke montierte Federhaus Kraft für mindestens 60 Stunden. Jedes der durchbrochen gestalteten Gesamtkunstwerke des Modells „Quasar“ setzen die Uhrmacher dabei aus 260 Komponenten zusammen. Umso wichtiger ist der Wasserschutz der bis drei bar druckdichten Saphirschale mit 45 mm Durchmesser .

IKone namens Aikon

Da will auch Maurice Lacroix nicht hinten anstehen und knüpft mit der ikonographischen Uhrenlinie „Aikon“ gestalterisch an seine altbekannte „CalypsoUhrenlinie an. Letztgenannte machte in den 1990-er Jahren von sich reden und begründete mit den Ruf des Maurice Lacroix Unternehmens. Seit 2018 gibt es übrigens in der „Aikon“- Modellreihe die stählerne„Skeleton Manufacture“. Ihr durchbrochen konstruiertes Automatikkaliber ML 234 mit 2,5 Hertz Unruhfrequenz besitzt beruhigende 52 Stunden Gangautonomie.

Bei genauem Hinschauern entdeckt man auch einen kleinen Sekundenzeiger. Den schwarzen Auftritt bewirkt eine PVD-Beschichtung auf Teilen des Uhrwerks .

Skelettiertes aus Hölstein

Mit dem neuen skelettierten Handaufzugskaliber 115 möchte hingegen Oris neu- und wissbegierige Mechanikfreaks ansprechen.

Bei der Konstruktion dieses Oris Manufakturwerks mit beachtlichen zehn Tagen Gangautonomie und drei Hertz Unruhfrequenz standen die Aspekte Stabilität, Zuverlässigkeit und Präzision im Vordergrund. Für die formale Balance zwischen Uhrwerk und Gehäuse sorgt hingegen die Gestaltung der „Big Crown ProPilot X Calibre 115”. Die intendierten Bezüge zur Fliegerei resultieren aus dem geriffelten Höhenring im Inneren des 44 Millimeter großen Titangehäuses mit Stealth-Charakter und aus seinem Glasrand. Bis zu 100 Meter Tauchtiefe reicht die Wasserdichte der logischer Weise  beidseitig verglasten Schale.

Wissenschaftler mit Durchblick

Luminor Tourbillon GMT Lo Scienziato“ hat Panerai dagegen eine seiner komplizierten  Armbanduhren mit skelettiertem Uhrwerk getauft. Die opulente kissenförmige Schale der Referenz PAM00767 misst stattliche 47 Millimeter und besteht aus Titan. Stabil ist auch die Wasserdichte, sie reicht bis zu zehn bar Druck reicht.

Enorm sind auch diese Werte. Durch drei Federhäuser erreicht diese Panerai aus Titan enorme 144 Stunden Gangautonomie. Zusätzlich zeichnet sie sich durch das durchbrochen gestaltete Handaufzugskaliber P.2005/T aus. Eine rückwärtige Indikation lässt dabei den Träger der Uhr die verbleibende Gangreserve wissen. Orts- und Referenzzeit bildet außerdem die GMT-Funktion einschließlich Tag-/Nacht-Anzeige ab. Bei „11“ agiert der ungewöhnliche, an ein “Hähnchen am Grill” erinnernde Drehgang. Hierbei bewegt sich die Unruh um 90 Grad versetzt in Richtung ihrer Welle.

Spinnennetz am Handgelenk

Manufakturwerke in durchbrochener Bauweise gehören natürlich auch zu den signifikanten Markenzeichen der Uhrenmanufaktur Roger Dubuis. Im Gehäuse der 45 mm großen „Excalibur Spider Skelett Automatik“ findet sich dabei das Selbstaufzugskaliber 820SQ mit Mikrorotor. Es besteht aus summa summarum 166 Komponenten und tickt nach Vollaufzug rund 60 Stunden lang mit vier Hertz. Weil der Bolide das Genfer Siegel trägt, muss sich die maximale wöchentliche Gangabweichung maximal im Bereich einer Minute bewegen.

von vorne sichtbare Skelettiertes aus Le Locle

Eine Luxusuhrenmarke wie Ulysse Nardin entwickelt und fertigt seine Uhrwerke natürlich selbst. Dies ist auch beim Handaufzugskaliber UN-371 in der „Skeleton X Titan“ der Fall. Der Name weist unmissverständlich auf das Material der 42 Millimeter großen, bis fünf bar wasserdichten Schale hin. Bis an die Grenzen des Machbaren haben die Techniker das Uhrwerk mit Doppelfederhaus und 96 Stunden Gangautonomie gestaltet und weite Teile des Uhrwerks entfernt. Aus leichtem und vollkommen amagnetischem Silizium bestehen auch das Ankerrad und die Unruhspirale. Der Gangregler wiederum vollzieht stündlich seine 18.000 Halbschwingungen.

Skelett mit Kette und Schnecke

Zu den besonderen Merkmalen des skelettierten Handaufzugskalibers 4805 SK im Zenith Fusee Tourbillon“ gehört ein Kette-Schnecke-System. Selbiges stabilisiert das Drehmoment der vom Federhaus ans Räderwerk weitergereichten Antriebskraft. Aus 807 Einzelteilen fügen für dieses kleine Wunderwerk die Uhrmacher den 37 Millimeter großen Mikrokosmos mit Minutentourbillon und besonderen fünf Hertz Unruhfrequenz zusammen. Von den 807 Einzelteilen entfallen allerdings 575 auf die filigrane, 18 Zentimeter lange Kette. Als Gangreserveindikation fungiert bei dieser Uhr ein  kleiner Zeiger zwischen „4“ und „5“.

Besondere Dinge sind zumeist rar. So auch bei Zenith. Entsprechend produziert die LVMH Marke von dieser Ausführung mit schwarzem Karbongehäuse nur 50 Exemplare.

Der dritte Teil dieser Artikelserie folgt demnächst. Er hat mechanische Armbanduhren mit Einblick zu Gegenstand. Freunde der besonderer, in Handarbeit skelettierter Uhrwerke kommen hier auf ihre Kosten. 

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