Günter Blümlein im Gespräch mit Gisbert Brunner am 25. Oktober 1994 anlässlich des Lancierung der ersten Uhrenkollektion von A. Lange & Söhne - Teil 1
Aktueller denn je: Es geht um neues Uhrendesign und Innovation – kein Kopieren von Legenden

Wo wäre A. Lange & Söhne heute ohne Günter Blümlein? Zusammen mit Walter Lange initiierte der Visionär nach dem Fall der Mauer die Renaissance der Deutschen Traditionsmanufaktur. Dem 2001 verstorbenen Techniker verdankt das Glashütter Luxusunternehmen sein aktuelles Profil und die Armbanduhr-Ikone namens „Lange 1“. Viele Aussagen im 1994 geführten Interview sind heute noch aktuell.

Aktueller denn je: Es geht um neues Uhrendesign und Innovation – kein Kopieren von Legenden

Die Lange 1: 25 Jahre und immer noch taufrisch wie 1994. Links Günter Blümlein, rechts Walter Lange bei der Premiere

Gisbert Brunner: Reden wir über A. Lange & Söhne, ihr neues Lieblingskind mit Sitz in Glashütte, das gestern seine neue Uhrenkollektion präsentierte. Wie sind Sie denn daran gekommen?

Günter Blümlein: Diese Verbindung reicht schon viel weiter zurück als die Wiedervereinigung der Bundesrepublik Deutschland. Im Grunde genommen suchten Walter und Ferdinand Lange bereits in den sechziger Jahren nach einem Revival der angesehenen Uhrenmarke im Westen. Sie träumten von Taschenuhren im bekannten Lange-Stil. Und sie hatten sogar eine Lange-Taschenuhr mit dekoriertem und entsprechend signiertem IWC-Kaliber gefertigt. Aber der Traum musste damals zu einem jähen Erwachen führen. Für Lange & Söhne Uhren nach ihren Vorstellungen gab es am Markt keinen Platz. Trotzdem schlummerte die Idee in den Köpfen. Mit dem Fall der Mauer wurde sie wieder wach. Beim Mannesmann-Vorstand Dr. Keck, einem ausgebildeten Uhrmacher mit Glashütter Lehrmeister, fielen die Gedanken auf fruchtbaren Boden. So kam es Ende 1989 zu ersten Kontakten, die im Frühjahr 1990 ihre Fortsetzung fanden. In Glashütte gab es hervorragend ausgebildete Menschen. Und dieses Potential konnte man im Hinblick auf neue Uhren „Made in Germany” trefflich nutzen.

Wie kamen besagte Kontakte eigentlich zustande?

Wir verdankten sie unserem Entwick­lungsleiter, der Walter Lange noch von früher kannte. Es folgte dann eine Einladung für Herrn Lange nach Schaff­hausen. Rückblickend war die erste Unterhaltung noch nicht sehr konkret. Als ich am Abend nach unserer ersten Besprechung mit Herrn Keck am Kamin saß, haben wir uns die Frage gestellt, ob wir uns angesichts der emotionalen Ereignisse des Mauerfalls von Walter Lange in die Pflicht nehmen las­sen sollten. Und wir kamen zum Entschluss, dass wir als Industrie einen Beitrag zum Wiederaufbau Ostdeutschlands zu leisten hätten.

Und wie ging es dann weiter?

Nach weiteren Diskussionen mit Herrn Lange habe ich mich mit einem anfänglichen Konzept beschäftigt. Nachdem ich damals noch nicht in Glashütte gewesen war, konnte das nur eine Art geschäftlicher Rah­men sein. Retrospektiv muss ich aber konstatieren, dass die ersten Planungen dem inzwischen Geschaffenen schon recht nahe kamen.

Interessierte Sie der Glashütter Uhrenbetrieb damals überhaupt nicht?

Doch, natürlich. Wir standen auch in intensiven Verhandlungen. Aber mit den alten „Rotsocken” gingen die Dinge nicht so recht voran. Und dann kam uns die Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 sehr zu Hilfe. Plötzlich brauchten wir die GUB nicht mehr. A. Lange & Söhne, da war ich mir plötzlich völlig sicher, würde alleine zurechtkommen. Damals rechnete ich noch mit einem Anschub-Finanzbedarf von etwa 500.000 Mark.

War wohl eine echte Fehl-Einschätzung der Situation.

Zugegeben. Doch zum damaligen Zeitpunkt waren wir uns noch nicht im Klaren, was A. Lange & Söhne wieder ins einsame Spitzensegment der Uhrenbranche führen würde. Als wir uns dann einig waren, wussten wir auch, dass wir an eigenen Kalibern und immensen Entwicklungskosten nicht vorbeikommen würden. Wenn „Lange 2″, unsere neue Fabrikationsstätte in voraussichtlich vier Jahren ihren Betrieb aufnimmt, werden wir in Glashütte rund 30 Millionen Mark investiert haben. Ein Betrag, der sich jedoch sowohl für uns wie auch für die Region absolut lohnt.

Damals rechnete ich noch mit einem Anschub-Finanzbedarf von etwa 500.000 Mark.

Günter Blümlein

Geschäftsführer, A. Lange & Söhne

Worauf führen Sie die immense Teuerung zurück?

Sie haben gestern die neuen Lange Uhren gesehen und auch in den Händen gehalten. Wir sind, wie Sie sicher bemerkt haben, viel tie­fer in die Wertschöpfung gegangen, als ursprünglich angedacht. Dazu haben wir auch mehr Produk­te entwickelt als ursprünglich geplant. Damit einher gingen hohe Investitionen in Gebäude, Maschinen und natürlich qualifiziertes Personal.

Wen wollen Sie mit den neuen Uhren denn herausfordern? Doch sicher die Schweizer Wettbewerber.

Sie werden sicher verstehen, dass ich Ihnen konkrete Namen schuldig bleibe. Durch unsere Leistung wollen wir jedoch gerne zur internationalen Spitze vordringen. Eine Art Vorstoß aus östlicher Richtung.

Nimmt man Sie im Westen mit einer geplanten Jahresproduktion von höchstens 2000 Armbanduhren denn überhaupt ernst?

Ich bin mir sicher, dass man uns bald ernst nehmen wird. Mit unserer kleinen Kollektion möchten wir ja nicht nur einige Dutzend Menschen erreichen, bei denen die Deutsche Highend-Uhrmacherei in Gedächtnis geblieben ist, und die sich auf eine Renaissance freuen. Wir haben bislang 20 Millionen Mark investiert, investieren weiter und betreiben daher logischer Weise auch eine langfristig ausgerichtete Markenpolitik. Zusätzlich zu den messbaren müssen wir auch imaginäre Werte schaffen, welche sich über Jahre und Generationen fortpflanzen.

Ganz abgesehen davon muss man sich in einer wirtschaftlich eher schwierigen Epoche wie dieser schon deutlich mehr einfallen lassen als nur eine packende Marketinggeschichte. Als Newcomer, Lange war 50 Jahre lang nicht mehr am Markt präsent, können wir uns überhaupt keine Schwäche leisten. Unsere Pro­dukte müssen bis ins letzte Detail stimmen. Mit dem verblassten und nun wieder aufpolierten Mythos müssen wir gegen das ausgesprochen starke „Swiss Made“ unserer bedeutenden Wettbewerber antreten. Natürlich besitzt das „Made in Germany“ auf technischem Gebiet eine hohe Bedeutung. Abgesehen von Autos und wenigen Ausnahmen verknüpft man diese Herkunftsbezeichnung aber nicht mit Luxus. Anders als beispielsweise Champagner, Seidentücher von Hermès oder Louis Vuitton-Taschen ist Luxus eben nicht typisch deutsch. An gezieltem Marketing führt also bei Lange & Söhne kein Weg vorbei.

Als Newcomer, Lange war 50 Jahre lang nicht mehr am Markt präsent, können wir uns überhaupt keine Schwäche leisten. Unsere Pro­dukte müssen bis ins letzte Detail stimmen.

Günter Blümlein

Geschäftsführer, A. Lange & Söhne

Morgen, 10. 01. 2018 um 14 Uhr Mitteleuropäische Zeit stellt der Uhrenkosmos die erste SIHH-Neuheit von A. Lange & Söhne vor. Sie huldigt dem 25. Jubiläum der Stilikone „Lange 1“. Nach diesen Zeilen weiß man um die Höhe der Messlatte.

Die Fortsetzung des Interviews mit Günter Blümlein findet sich hier.

 

Über den Autor

Gisbert L. Brunner

Uhrensammler seit 1964 Journalistische Tätigkeit in Sachen Uhren seit 1981 Autor und Co-Autor von mehr als 30 Büchern über Armbanduhren und namhafte Uhrenmarken

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