Zweiter Teil des Interviews mit Christoph Grainger-Herr, CEO der Schaffhauser Uhrenmanufaktur IWC
Pilot, Portofino und Portugieser: IWC im Zeichen der drei P

Im Gespräch mit Uhrenkosmos äußert sich der IWC CEO Christoph Grainger-Herr zur neuen IWC Kollektion und den Werten, der von ihm geleiteten Uhrenmanufaktur IWC, aber auch zum Thema eCommerce wie Damenarmbanduhren. Ein schnelles Interview in knappen, klaren Worten.

Pilot, Portofino und Portugieser: IWC im Zeichen der drei P

IWC-CEO Christoph Grainger-Herr und Armbanduhren der Linien Pilot, Portofino und Portugieser

Ist eCommerce auch für die Uhrenmarke IWC gegenwärtig ein heißes Thema?

Christoph Grainger-Herr: 2017 haben wir in den USA mit dem Verkauf über das Internet begonnen. Nun steht Europa an. Das ist ein breites Betätigungsfeld und ein weiterer wichtiger Distributionskanal, der stark im Kommen ist. IWC.com ist für uns derzeit die wichtigste Informationsplattform, auf die Sie als Liebhaber der Marke zurückgreifen können.

Meine Grundhaltung zu dem Thema ist ganz einfach: Es liegt mir fern, dem potenziellen Kunden irgendeinen Vertriebskanal vorzuschreiben. Es geht heutzutage um ein essenzielles Serviceangebot.

Wir wissen, dass manche Kunden bis zur Kaufentscheidung zahlreiche Kontaktpunkte aufsuchen. Ob der finale Click am Handy kurz vor dem Start des Fliegers oder im übertragenen Sinn nach einem vierstündigen Beratungsgespräch beim Fachhändler erfolgt, spielt letzten Endes keine Rolle. Als Marke möchte ich das volle Angebot bereithalten. Früher hat man über zwei bis drei Distributionskanäle gesprochen. Heute sind es vielleicht ein Dutzend.

Gibt es aktuelle Erfahrungswerte? Wie viele Ihrer Produkte fließen über welche Kanäle ab?

Christoph Grainger-Herr: Ich kann Ihnen sagen, dass die Wachstumsraten im Onlinegeschäft groß sind. Dies jedoch auf einer relativ kleinen Basis. Für mich wird eCommerce in Zukunft nicht der dominante Vertriebskanal werden. Das versuche ich auch dar nicht zu erreichen.
Wir unterbreiten das volle Serviceangebot und am Ende entscheidet der Kunde, wie er zu seiner Uhr kommen möchte.

Niemand kann heute mit letzter Sicherheit sagen, wie sich die Dinge in den kommenden zehn bis fünfzehn Jahren weiterentwickeln werden. Der Kauf einer Uhr muss so oder so ein Erlebnis sein.

Wie versenden Sie die bei Ihnen im Internet georderten Uhren, damit sich Schlauberger kein Partyobjekt zum Angeben bestellen und dieses am Montag wieder zurücksenden?

Christoph Grainger-Herr: Wir haben Tags an der Uhr. Werden die entfernt, ist das Objekt fest gekauft.

Bei Uhren ist das Kaufverhalten im Gegensatz zur Mode, wo mal eben sechs bis sieben Jeans bestellt werden, schon ein wenig anders. Niemand käme auf die Idee so viele Armbanduhren zu ordern.

Traditionsgemäß hat sich IWC von SIHH zu SIHH eine Uhrenlinie vorgeknöpft und diese gründlich überarbeitet. Im Laufe der Jahre wurde dieses Prinzip durch Neu-Lancierungen während des Jahres jedoch aufgeweicht.

Christoph Grainger-Herr: Das stimmt. Wir erleben eine Phase stärkerer Kontinuität bei den drei P, also Pilot, Portugieser und Portofino sowie dem, was außen herum passiert. Hier geschieht eine sukzessive Weiterentwicklung der Produkte. Hinzu gesellt sich da und dort etwas ganz Neues.
Ich denke, wir werden den Fokus auf eine Kollektion im Jahr grundsätzlich beibehalten, aber das Vorstellungsprozedere erstreckt sich nun viel mehr über zwölf Monate. Das hängt auch mit der Art unserer Kommunikation zusammen und mit der Flexibilität beim Reagieren auf Ereignisse.

Früher hat man einen großen Katalog gedruckt und einen epischen Film gedreht. Das musste dann für ein Jahr reichen. Heute können Sie davon ausgehen, dass jeden Monat etwas geschieht. Die Elektronik gestattet einen viel intensiveren, prägenderen Dialog zwischen uns und unseren Kunden.

Lässt sich daraus schließen, dass eine Messe wie der SIHH an Bedeutung verliert?

Christoph Grainger-Herr: Nein, das glaube ich nicht. Natürlich können wir Lancierungen rund um die ganze Welt veranstalten. Aber wir werden nie die Gelegenheit haben, Dinge so komplett zu erzählen, wie es bei einem globalen Gipfeltreffen wie dem SIHH der Fall ist. Dort hat sich der Fokus doch ohnehin schon verschoben von einer reinen Verkaufsveranstaltung zu einem informativen Zusammentreffen, wo ganz unterschiedliche Professionen und unsere Endkunden intensiven Austausch pflegen können.

Am SIHH zeigt sich der permanente Fluss der Veränderung des (Messe-)Formats, der naturgemäß nicht zum Stillstand kommt.

Vor zwei Jahren haben Sie mit der neuen Da Vinci-Linie eine stärkere Betonung auf die Interessen des weiblichen Geschlechts gelegt. Wie empfinden Sie die Resonanz der Damenwelt?

Hier sehe ich zwei Dinge. Sie erleben in vielen Märkten der Welt eine differenzierte Wahrnehmung der IWC. In deutschsprachig geprägten Raum wirkt die Zeit von Porsche Design nach. Titan- und Werkzeuguhren, die auf Männlichkeit ausgerichtete Wirth-Kampagne mit einem speziellen Humor kennt man in China nicht. Hier ist der IWC-Auftritt während der vergangenen 15 Jahre ein nuanciert anderer. Außerdem ist dort die Zielgruppe viel breiter. Dort stehen feinere, klassischere und vor allem auch weibliche Uhren stärker im Mittelpunkt. Das gilt auch für andere Märkte. Internet-Vertriebskanäle bescheren uns fast 40 Prozent weibliche Kunden. Im Gegensatz zum tradierten Facheinzelhandel, der sich womöglich nicht so stark auf die femininen Aspekte konzentriert. Kommerziell sind wir heute sehr offen für alles. Was aber nicht bedeutet, dass wir die Marken-DNA um 180 Grad drehen.

Blicken wir in die Kollektion. Welches ist der Leader? Weiterhin die Portugieser?

Wir haben heute drei stark etablierte Designs, eben jene mit den drei P am Anfang. Alle entwickeln sich erfreulicher Weise sehr positiv.

Wo steht die Ingenieur heute?

Wenn wir über Sportuhren sprechen, und das ist die Ingenieur, dann haben sie nicht die gleiche Gewichtung wie klassische Armbanduhren. Und das sind bei uns eben die mit den drei P.

Richemont, Ihre Mutter, unterhält in Neuchâtel ja ein bedeutendes Forschungs- und Entwicklungszentrum. Dort geht es auch um den viel diskutierten Werkstoff Silizium. Inwieweit ist der für die Ingenieure der Zeit, und von denen reden wir ja bei IWC, von künftiger Bedeutung?

Ohne Frage ist Silizium für die IWC ein wichtiges Thema. Das zeigt sich daran, dass wir es ja schon für bestimmte Komponenten nutzen. Es wird auf diesem Gebiet aber sicher eine Entwicklung geben.

Ingenieur bedeutet amagnetisch. Silizium-Komponenten würden ideal zu dieser Uhrenlinie passen.

Ja, da gebe ich Ihnen Recht.

Bitte nennen Sie uns zum Schluss einige Werte, die IWC von anderen Marken unterscheiden.

IWC als Marke trägt eine gewisse Selbstsicherheit in sich, gepaart mit einem Maß an Understatement. IWC ist keine neureiche Marke, die nach Lifestyle schreit. Wir sind eine Marke für Menschen unterwegs, die Meilensteine feiern, aber die Meilensteine finden sich immer am Boden der Realität. Sie verknüpfen sich mit einem Nach-vorne-schauen und immer noch mehr erreichen wollen. So kommen die Kunden zu unserer Marke. Und natürlich bedienen wir zu einem guten Teil die Männlichkeit auch im Zusammenhang mit den Träumen kleiner Jungs: Fliegen, Autofahren etc.

Über den Autor

Gisbert L. Brunner

Uhrensammler seit 1964 Journalistische Tätigkeit in Sachen Uhren seit 1981 Autor und Co-Autor von mehr als 30 Büchern über Armbanduhren und namhafte Uhrenmarken

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