Bei Patek Philippe Technologies entstehen neuartige Unruhspiralen für Armbanduhren. Ein Besuch in Neuchâtel
Eine moderne Seele aus Silizium – Teil 1

Seit 2002 gibt es Armbanduhren mit Unruhspiralen aus Silizium. Patek Philippe verbaute solche erstmals 2006 in der limitierten Referenz 5350. Heute entstehen die elastischen Winzlinge in Neuchâtel. Der Uhrenkosmos durfte die Hightech-Produktionsstätte besuchen.

Eine moderne Seele aus Silizium – Teil 1

Patek Philippe Technologies SA in Neuchâtel

Hochtechnologie in Neuenburg

Architektonischen Charme darf man bei Patek Philippe in Neuchâtel nicht erwarten. Die Ehre, Patek Philippe Technologies SA im Haus Nummer 1 an der Rue Jaquet-Droz besuchen zu dürfen, wird nur wenigen zuteil. Dort erlebt man hautnah die Funktionalität eines Hightech-Campus. Repräsentieren ist hier ein Fremdwort. Im Schweizer Zentrum für Elektronik und Mikrotechnologie (CSEM), das die noch junge Tochter des 1839 gegründeten Genfer Familienunternehmens beherbergt, dreht sich alles um die uhrmacherische Zukunft. Hier gilt das Motto: „Wer aufhört, besser zu werden, hat sich davon verabschiedet, gut zu sein“. Exakt dieser Leitspruch beseelte auch das 1984 ins Leben gerufene CSEM. Wer ihn ernst nimmt, kann durchaus Revolutionen bewirken.

2001 brachte Silizium in mechanische Uhrwerke

Ausgelöst durch Ulysse Nardin nahm die auf tickende Armbanduhren zielende Revolution zu Beginn des 21. Jahrhunderts ihren Lauf. Im 2001 lancierten „Freak“ agieren zwei Hemmräder aus Silizium. Und das ließ die Branche tatsächlich aufhorchen. Ohne diesen Werkstoff funktioniert weder Smartphone noch Computer. Aber in klassischen Uhren, welche traditionsgemäß aus Messing, Stahl, Metalllegierungen und synthetischen Steinen bestehen, wirkte dieses Material anfänglich wie ein Sakrileg. Als Ulysse Nardin kurz darauf auch noch eine Unruhspirale aus Silizium präsentierte, gab es für Patek Philippe, Rolex und die Swatch Group kein Halten mehr. Zur Entwicklung innovativer Silizium-Komponenten für überlieferte mechanische Kaliber verbündete sich das mächtige Trio im Jahr 2003 mit besagtem CSEM und dazu dem Institut für Mikrotechnik der Universität Neuenburg.

Vorteil Silizium

An intensiver Materialforschung führte kein Weg vorbei. Monokristallines Silizium, und nur solches kam wegen der Homogenität in Betracht, besitzt die gleiche Kristallstruktur wie Diamant. Folglich ist es 60 Prozent härter und 70 Prozent leichter als Stahl. Zudem ist es vollkommen amagnetisch und korrosionsfest. Auch ohne Nachbearbeitung verfügen die Komponenten über eine extrem glatte, ergo reibungsmindernde Oberfläche. Weil Faktum Öl entbehrlich macht, eignet sich Silizium vorzüglich zur Herstellung von Anker und Ankerrad. Schließlich ist Silizium, obwohl es sich nicht plastisch verformen lässt, hoch elastisch. Und das prädestiniert förmlich zur Herstellung von Unruhspiralen. Solche aus Silizium vertragen Stöße bis zu 5000 G. Demgegenüber können bei metallischen Invar-Spiralen Kräfte von nur 1000 G, also dem Tausendfachen des Eigengewichts zu makroskopischen Verformungen führen.

Forschung führt zu Silinvar

Natürlich gibt es auch eine Achillesferse: Wie Metalle dehnt sich auch Silizium bei Erwärmung aus, Kälte bewirkt Schrumpfung. Bei Hemmungsteilen, sprich Anker und Ankerrad lässt sich damit leben. Unruhspiralen hingegen verlangen zwingend nach thermischer Stabilisierung, wenn man sie zusammen mit Glucydur-Unruhn, also zum Beispiel der „Gyromax„-Unruh von Patek Philippe verwenden möchte. Durch eine dünne Oxidschicht, haben kluge Köpfe herausgefunden, entsteht invariables Silizium, kurz „Silinvar“ genannt.

Wird fortgesetzt

Über den Autor

Gisbert L. Brunner

Uhrensammler seit 1964 Journalistische Tätigkeit in Sachen Uhren seit 1981 Autor und Co-Autor von mehr als 30 Büchern über Armbanduhren und namhafte Uhrenmarken

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