Mechanische Armbanduhren mit Langzeitpotenzial
Armbanduhren-Klassiker – Teil 1

In dieser Artikelserie stellt der Uhrenkosmos nach und nach ikonographische Zeitmesser vor, die sich seit mindestens zwanzig Jahren durchgängig am Markt behaupten.

Armbanduhren-Klassiker – Teil 1

Zeit für Armbanduhren Klassiker

Traurig aber wahr: Vielen Produkten unserer schnelllebigen Tage haftet das Zeug zum Vergänglichen schon bei ihrer Genese an. Ganz nach dem Motto: heute en vogue, morgen gerade noch akzeptabel und übermorgen bereits unmodern. Oder um es mit Søren Kierkegaard zu sagen: „Wer sich mit dem Zeitgeist vermählt, wird bald Witwer sein.“

Ganz so unumstößlich, wie es der dänische Philosoph und Schriftsteller vor mehr als 170 Jahren postulierte, liegen die Dinge bei Armbanduhren sicher nicht. Jedoch besitzen viele der aktuellen Begleiterinnen fürs Handgelenk infolge exaltierter Optik oder quarzgesteuerter Elektronik naturgemäß eine relativ kurze Halbwertszeit. Will heißen, sie taugen schwerlich zum Klassiker und einer dauerhaften Freundschaft. Dies gilt gleichermaßen für das Billigpreissegment.

Ganz anders gestalten sich die Dinge bei Zeitmessern mit höherem oder gar luxuriösem Anspruch. Hier spricht zunächst ein gewichtiges Argument für eine längere, wenn nicht gar sehr lange Lebensgemeinschaft: das beträchtliche Investment. Erlesene Markenprodukte verlangen beinahe zwangsläufig danach. Apropos Marke. Sie ist bei hochwertigen Armbanduhren ähnlich bedeutsam wie das Top-Argument beim Immobilienkauf. Da zählt die Lage, die Lage und nochmals die Lage.

„Santos“ von Cartier (*1904)

Louis Cartier, Nachfahre von Louis-François Cartier, dem Gründer des Juweliers der Könige, war nicht nur ein begnadeter Designer, sondern auch gern gesehener Gast der Pariser Society. Als solcher lernte er in Rahmen einer vornehmen Soiree des Baron Deutsch de la Meurthe den gebürtigen Brasilianer Alberto Santos-Dumont kennen. Aus dem eher zufälligen Zusammentreffen entwickelte sich rasch eine bemerkenswerte Männerfreundschaft. Als der passionierte Flugpionier bald darauf im Nobelrestaurant Maxim’s für seinen Rekordflug mit einem motorisierten Lenkballon im Jahre 1901 den Prix de la Meurthe erhalten sollte, war Freund Louis natürlich mit von der Partie. Santos-Dumont, ein wahrer Philanthrop, betrachtete es übrigens als Selbstverständlichkeit, dem Pariser Bürgermeister die Hälfte des Preisgelds in Höhe von 100.000 Französischen Franc zugunsten armer Mitbürger zu spenden.

Auf Dinner folgt Design

1904 erhielt Louis Cartier eine Einladung zum Privatissimum in die noble Wohnung am Pariser Champs Elysées. Dort kam der südamerikanische Lebemann ziemlich unverblümt zu Sache. Mit seiner Taschenuhr sei die Zeit unterwegs in den Lüften nur schwer zu kontrollieren. Schließlich benötige er beide Hände am Steuerknüppel. So etwas wollte sich der Freund selbstverständlich nicht zwei Mal sagen lassen. Zurück im Atelier machte sich der Produktgestalter an die Arbeit. Seine neue Armbanduhr mit quadratischer Schale, abgerundeten Ecken, erhabenem verschraubten Glasrand und integrierten Bandanstößen begleitete den Initiator auch am 12. November 1907 beim sensationellen 220-Meter-Hüpfer mit dem spektakulären Motor-Fluggerät „14 bis“.

Das Großereignis weckte bei Mitgliedern der Pariser Hautevolee den Wunsch, ebenfalls eine so genannte „Santos“ zu besitzen. Daher offerierte Cartier ab 1908 eine Mini-Edition der ersten vom Taschenuhrdesign emanzipierten Armbanduhr. Die Serienproduktion startete 1911. Ein Superlativ ist der legendären „Santos“ deshalb gewiss: Eine längere und vor allem ununterbrochene Biographie kann keine andere Armbanduhr vorweisen.

Santos 2018

Die aktuelle, knapp 40 Millimeter große „Santos de Cartier“ gibt es unter anderem in Edelstahl. Die zeitgemäße Konstruktion des Ensembles besticht unter anderem durch im Handumdrehen auswechselbare Armbänder.
Das verbaute Automatikkaliber 1847MC mit vier Hertz Unruhfrequenz läuft nach Vollaufzug 40 Stunden am Stück. Bis zu zehn bar Druck reicht die Wasserdichte der Schale.

Der Preis einer neuen Santos de Cartier in Edelstahlt liegt etwa bei 6.550 Euro

„Reverso“ von Jaeger-LeCoultre (*1931)

Als René-Alfred Chauvot 1930 zur Tat schritt, erfüllte er nicht mehr als einen Auftrag. Der Pariser Ingenieur sollte ein Gehäuse für Armbanduhren entwickeln, bei dem das Kristallglas auch harte Einsätze beispielsweise beim Pferdepolo heil überstehen würde. Noch im gleichen Jahr lag das erste Resultat vor. Es handelte sich um „ein Gehäuse aus Edelstahl, das sich mit Hilfe von Führungsnuten, vier Führungszapfen und Rasten auf seiner Grundplatte ver­schieben und vollständig herum drehen lässt.
Am 4. März 1931 erfolgte dann die Patentanmeldung für die Arm­banduhr, bei der man das Glas nur nach unten zu drehen brauchte, um es vor schädlichen äußeren Einflüssen wirkungsvoll zu schützen.

Schale mit zwei Gesichtern

Ein weiterer Vorteil lag darin, dass sich die stäh­lerne Rückseite durch eine individuelle Gravur schmücken ließ. Mit Blick auf die Verwendung runder LeCoultre-Kaliber besaß die der auf einer Platte mit Bandanstößen drehbare Werkscontainer zunächst eine quadratische Form. In punkto Design überzeugte die Ingenieurleistung damals jedoch nicht. Die Ära des Art Déco verlangte nach einem Rechteck. Und dem trug ein abgeänderter Patentantrag Rechnung. Die passenden Formwerke lieferte Tavannes. Bald schon fand man die anfangs „Reverso“ signierte Armbanduhr “Armbanduhr welche je nach Bedarf ihre robuste oder ihre elegante Seite zeigte, an den Handgelenken von Militärs, Po­lospielern, Skiläufern oder Partylöwen.

In den 1940-er Jahren hatten sich die Argumente für eine „Reverso“ irgendwie verbraucht. Das Rechteck kam aus der Mode. Bruchfeste Kunststoffgläser taten ein Übriges. In den 1970-er Jahren beendeten Genosse Zufall und der italienische Jaeger-LeCoultre-Importeur den Dornröschenschlaf. Im Nu verkauften sich 200 aus Restbeständen zusammengeschraubte Wende-Armbanduhren. Dadurch startete die „Reverso“ ein beispielloses Comeback.

Die aktuelle Basisvariante des 1983 wiederbelebten Klassikers besitzt weiterhin ein geschlossenes und ein verglastes Gesicht mit drei Zeit-Zeigern. Durch simplen Dreh hilft die stählerne „Reverso Classic Medium Small Second“ mit dem hauseigenen Handaufzugskaliber 822/2 bei der Beherzigung des Leitspruchs „Wenn du Zeit hast für jemanden, schau nicht auf die Uhr!“

Zu haben ist die stählerne Jaeger-LeCoultre Reverso Classic Medium mit kleiner Sekunde für circa 6.100 Euro.

„Pointer“ von Oris (*1938)

Die Philosophie des Hauses Oris basierte schon immer auf der Herstellung preiswerter Uhren. Trotz der Verwendung einfacher Stiftanker-Kaliber brachte die Manufaktur gleichermaßen zuverlässige wie präzise Zeitmesser auf den Markt.

Die Achillesferse dieser erfolgreichen Strategie zeigte sich ab 1934. Damals schrieb ein Schweizer Bundesgesetz, das die heftig kriselnde Uhrenindustrie vor dem Untergang bewahren sollte, die Produktion aller Firmen auf ihren aktuellen Staus fest. Folglich durfte Oris fortan ausschließlich Stiftankeruhren produzieren. Der Kreativität tat das keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil, die Beschränkung spornte mächtig an.

Start im Jahr 1938

In diesem Sinne gelangte 1938 das Oris Kaliber 373 auf den Markt. Bei der Entwicklung waren sich die Konstrukteure der Tatsache bewusst, dass sich das Datum bei Uhren digital, also in Zahlen, durch einen Zifferblattausschnitt oder analog per Zeiger darstellen lässt. Und letzteres von beidem tat das neue Oris-Uhrwerk. Und der Erfolg gab dem Unternehmen mit gut 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern recht. Ergo beinhaltete fortan jede Kollektion mindestens ein Modell mit „Pointer“- oder Zeigerdatum.

Verloren und gefunden

Den besten Beweis dafür die robuste Ausführung der Armbanduhren aus Hölstein lieferte ein 1954 in Hölstein verloren gegangenes Exemplar. Der Vater von Dr. Rolf Portmann, dem heutigen Miteigentümer von Oris fand sie auf einer Straße im Schnee. Nachdem niemand sein Eigentum bei der örtlichen Polizeistation reklamierte, gelangte diese „Pointer“ in Familienbesitz. Dort tickt sie auch noch heute unverdrossen.

Übrigens war dieses Erfolgsmodell von Oris sozusagen in der ganzen Welt zu Hause. Nach den unliebsamen Folgen der Quarzkrise in den 1970-er Jahren, einem Management-Buyout durch Geschäftsführer Rolf Portmann und den Marketingleiter Ulrich W. Herzog im 1982 startete 1988 im Zeichen eines neuen Markenauftritts. Die Oris „Pointer“ war freilich mit von der Partie. 

Zum 80.Geburtstag der Ikone präsentiert Oris eine Jubiläums-Edition der „Big Crown Pointer Date“, Durchmesser 40 mm, Bronzegehäuse mit Sichtboden, Automatikkaliber Oris 754 (Basis Sellita SW 200).

Die Oris Big Crown Pointer Date Bronze hat einen Preis von circa 1.800 Euro.

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Über den Autor

Gisbert L. Brunner

Uhrensammler seit 1964 Journalistische Tätigkeit in Sachen Uhren seit 1981 Autor und Co-Autor von mehr als 30 Büchern über Armbanduhren und namhafte Uhrenmarken

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