Das Jahr der Weltenerforscher

Die Geschichte dieser Uhrenlinie reicht bei Jaeger-LeCoultre schon zurück bis in die 1950-er Jahre. Da nämlich keimte die Idee zu einem neuen Polarjahr. Wegen den Kalten Kriegs wurde das Ganze im Benehmen mit dem Internationalen Wissenschaftsrat zu einer weltweiten Angelegenheit erklärt. Und damit konnte eine Gruppe ambitionierter Wissenschaftler aus aller Welt die Vorbereitungen für das Internationale Geophysikalische Jahr (IGJ) treffen. Die vereinbarte Periode des IGJ währte vom 1. Juli 1957 bis zum 31. Dezember 1958. Während dieser Zeit kümmerten sich Naturwissenschaftler in unterschiedlichsten geophysikalischen Projekten um Unerforschtes. Im Folgenden waren das die Ionosphäre, Geomagnetismus, Gletscher, Ozeanografie, Meteorologie, kosmische Strahlung, Seismologie und natürlich die Sonne als unseren wichtigsten Himmelskörper.

Geburt einer Ikone, so komplex wie die Wissenschaft selbst

Aus diesem bedeutenden Anlass präsentierte Jaeger-LeCoultre daher in besagtem Jahr 1958 den offiziell geprüften „Geophysik Chronometer“. Dabei handelte es sich um eine Armbanduhr, dessen Weicheisen-Innengehäuse das 28,25 mm große und 4,55 mm hohe Handaufzugskaliber P 478/BWS/br vor Magnetfeldern mit einer Stärke von bis zu 600 Gauss schützte. Beim verbauten Uhrwerk handelte es sich indes um eine besonders edle Version des in Militär-Armbanduhren vielfach bewährten Kalibers 478. Die Lieferung der insgesamt nur 800 Exemplare erfolgte zudem in einem Etui, das dem russischen Sputnik ähnelte. Einen dieser in Sammlerkreisen hoch begehrten und deshalb teuer bezahlten Zeitmesser überreichte die Stadt Genf an William R. Anderson, Kapitän des amerikanischen Atom-Unterseeboots, welches am 3. August 1958 den Nordpol auf direkter Route vom Atlantik zum Pazifik erreicht hatte. Aufgebrochen zur geheimen Mission, deren Ziel nur die Besatzung kannte, war die USS Nautilus am 1. August 1958.

Neuauflage im Retrolook

2014 erwies die Schweizer Traditionsmanufaktur diesen legendären Zeitmessern – gut erhaltene Exemplare kosten heute am Sammlermarkt teilweise mehr als 20.000 Euro – ihre Ehre durch drei exklusive Retro-Editionen mit 38,5 mm großen Edelstahl-,Rotgold- oder Platingehäusen und dem 3,3 Millimeter hohe Automatikkaliber Jaeger-LeCoultre 898/1mit 43 Stunden Gangautonomie.. Die gesamte Optik inklusive Zifferblatt orientierte sich eng am Original.

Zeit Erwachsen zu werden: Endlich eine eigene  Uhrenlinie

2015 baut Jaeger-LeCoultre die „Geophysic“ zu einer ganz neuen Uhrenlinie aus, welche uneingeweihten beim Blick aufs Zifferblatt wie eine Quarzuhr erscheint. Der Grund besteht in einem akkurat springenden Stundenzeiger. Nach dem Umdrehen zeigt sich jedoch sehr schnell, dass im Gehäuseinneren zwar innovative, letzten Endes aber doch gute alte Mechanik tickt. Und zwar mit einer Frequenz von vier Hertz. Tragbare mechanische Uhren mit springendem Sekundenzeiger sind nichts grundsätzlich Neues. Taschenuhren dieses Typs gab es schon 18. Jahrhundert. 1958, als Jaeger-LeCoultre die erste „Geophysic“ vorstellte, offerierte Doxa verschiedene Armbanduhren mit springendem Sekundenzeiger.

Nur ein kleiner Sprung – Die Geschichte der wahren Sekunde

Dieses Feature hatte die „Fabrique d’ebauches de Chézard S.A.” in den späten 1940-er Jahren entwickelt. Für ihr 11½-liniges Kaliber Chézard 118 mit einer „Vorrichtung zur schrittweisen Vorwärtsbewegung des Sekundenzeigers von Uhrwerkgetrieben” hatte sie 1948/49 ein Patent erhalten. Die Produktion startete 1955. Ebenfalls in den 1950-er Jahren hatte Rolex die „Metropolitan“, Referenz 6556, im Programm. Wegen ihres springenden Sekundenzeigers heißt diese Automatik-Armbanduhr auch „True Beat“. Mangels Erfolg endete das Experiment nach nur fünf Jahren. Immerhin kostete das Feature knapp 30 Prozent mehr als eine „Oyster Perpetual“ mit schleichendem Sekundenzeiger.

Magisch oder mechanisch, das ist hier die Frage!

Technisch ist das Ganze keine Zauberei. Eine Mechanik zählt die Halbschwingungen und spannt dabei eine kleine Spiralfeder vor. Nach damals fünf, bei Jaeger-LeCoultre acht Halbschwingungen ist eine Sekunde verstrichen. Exakt dann erfolgt die Freigabe und die sich entladende Feder lässt den Sekundenzeiger springen.

Für die „Geophysic True Second“ hat Jaeger-LeCoultre ein völlig neues Automatikwerk, das 6,75 Millimeter hohe Kaliber 770 entwickelt. Sein Zentralrotor spannt die Zugfeder in einer Drehrichtung. Nach Vollaufzug stehen rund vierzig Stunden Gangautonomie zur Verfügung. Der mit vier Hertz tickende Mikrokosmos besteht aus 275 Komponenten, von denen 30 allein auf das Zusatzwerk für den springenden Sekundenzeiger entfallen. Nach acht Jahren Weiterentwicklung gibt es nun auch die 2007 in der „Master Compressor Extreme Lab 1“ erstmals gezeigte „Gyrolab“-Unruh in einer Serien-Version. Die an das JLC-Logo erinnernde Unruh mit äußeren Elementen aus 22-karätigem Gold besitzt eine variable Trägheit, macht also den Rücker zur Veränderung der aktiven Länge der Unruhspirale überflüssig. Apropos Spirale: Die fertigt Jaeger-LeCoultre aus Nivatox-Material im eigenen Haus.

Meister der Täuschung!

Globetrotter werden an dieser sehr zurückhaltend auftretenden Armbanduhr mit 39,6 Millimeter Durchmesser ihre wahre Freude haben. Ihr Stundenzeiger lässt sich beim Erreichen einer fernen Zonenzeit in Stundenschritten vor- oder rückwärts verstellen. Das Fensterdatum folgt ihm sozusagen auf dem Fuße. Die Minutenindikation wird dadurch nicht beeinflusst. Diese schlichte, technisch aber spannende Armbanduhr, wasserdicht bis fünf bar Druck, gibt es in Stahl oder Rotgold ab ca. 8.000 Euro. Als Reminiszenz an das historische Vorbild erinnern die kleinen runden Leucht-Indexe auf dem Höhenring rund ums Zifferblatt.

Komfort für Zeitreisende

Für Kosmopoliten bietet Jaeger-LeCoultre die „Geophysic Universal Time“ mit Weltzeit-Indikation. Von ihrem augenfälligen Zifferblatt lassen sich die Stunden in den 24 Standard-Zeitzonen rund um den Globus simultan ablesen. Der zentrale Stundenzeiger ist wiederum in Stundenschritten unabhängig über die Krone verstellbar. Bedingt durch das vorderseitig montierte Zeitzonen-Dispositiv klettert die Höhe des Kalibers 722 auf 7,13 Millimeter. Auch die Gehäuse, erhältlich wiederum in Stahl oder Rotgold, sind mit 41, 6 Millimeter Durchmesser leicht größer. Die Preise beginnen hier bei ca. 13.000 Euro. Dass alle „Geophysic“-Modelle vor Verlassen der Manufaktur den strengen 1000-Stunden-Test absolvieren müssen, versteht sich von selbst.