Bei Sammlern stehen Schuluhren hoch im Kurs
Wissen ist Macht: Von außen sieht man dieser Schuluhr ihre inneren Werte nicht an

Ob Groß-, Taschen- oder Schuluhren: Bei Sammlern stehen Schuluhren hoch im Kurs. Dieses wunderschöne, feingearbeitete Exemplar einer Schuluhr stammt aus der Genfer Uhrmacherschule

Wissen ist Macht: Von außen sieht man dieser Schuluhr ihre inneren Werte nicht an

Eine schlichte Schönheit - die elegante Schuluhr aus der Ecole d'Horlogerie Genéve Bilder Uhrenkosmos

Schülerarbeiten, wird mitunter böswillig behauptet, sind im allgemeinen Produkte auf Anfängerniveau. Auch bei Uhren. Dass dem beileibe nicht so ist, beweisen gesuchte und hochbezahlte Erzeugnisse der Absolventen von Uhrmacherschulen. So auch in Le Locle, das eine ausgeprägte Uhrmacher-Tradition besitzt. Denn schon gegen 1630 fertigte dort ein Mechanikus namens Perret die vermutlich erste jurassische Uhr. Etwa fünfzig Jahre später brachte ein Pferdehändler aus England eine Uhr mit, die vielleicht auch ob der langen Reise eines Tages ihren Dienst quittierte. Der schlaue Mann vertraute sein Aufsehen erregendes Objekt dem Hufschmied Daniel JeanRichard an. Dem gelang es nicht nur, den Defekt zu ermitteln und zu beseitigen. Er ging sogar noch einen beträchtlichen Schritt weiter. Nachdem JeanRichard alle Bestandteile genau nachgezeichnet hatte, fertigte er innerhalb von 18 Monaten ein ähnliches Gebilde an. 1705 etablierte sich Daniel JeanRichard als Uhrmacher in Le Locle und unterwies seine fünf Söhne im gleichen Handwerk. Als der Pionier 1741 starb, beschäftigte die durch ihn eingeführte Industrie bereits 400 Menschen.

Der wundersame Uhrmacher

Knapp drei Jahrzehnte später ersann der uhrmacherische Autodidakt Abraham-Louis Perrelet wiederum in Le Locle die vermutlich ersten Taschenuhren mit automatischem Aufzug durch Pendelschwungmasse oder Rotor. In dieser Epoche war die Arbeitsteilung im Uhrmacherhandwerk bereits sehr weit fortgeschritten. An der Produktion beteiligten sich u.a. Finisseure, Vergolder, Emailleure, Ketten-, Feder- und Zeigermacher, Rohwerkefabrikanten sowie Gehäusehersteller. Im ausgehenden 18. Jahrhundert fertigten rund 4000 Handwerker in Le Locle und dem benachbarten La Chaux-de-Fonds jährlich bereits 40.000 bis 50.000 Uhren.

Ohne gezielte Uhrmacher-Ausbildung war dieser rapide Aufschwung auf Dauer nicht durchzuhalten. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war die individuelle Lehre vollständig in den Händen der Zünfte und ihrer Meister gelegen. Dann verlangten der Zerfall des strengen Zunftwesens und die Aufweichung des Reglements nach neuen Formen der Ausbildung. Zunächst sprangen die Familien und die industriell ausgerichteten Betriebe in die Bresche, wodurch das theoretische Fundament allerdings beträchtlich litt. Der Unterricht kam vielfach zu kurz. Die Produktionszwänge dominierten. Gewinnorientierte Serienfertigung rangierte ganz oben.

Das Aufkommen qualifizierter Uhrmacherschulen

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Klagen über “… die Unzulänglichkeit des öffentlichen Unterrichts in bezug auf die Uhrmacherei” immer lauter. Weil Uhren nicht irgendwelche Gegenstände sind, wurde die Errichtung qualifizierter Ausbildungsstätten, am besten institutionalisierte Lehren im Rahmen von Schulen gefordert. Bereits 1823 war deshalb im qualitätsbewussten in Genf die “Ecole des Blancs” ins Leben gerufen worden.

1865 kam es zur Gründung der Uhrmacherschule in La Chaux-de-Fonds, 1866 folgte St. Imier und 1868 schloss sich Le Locle den leuchtenden Beispielen an. Die Qualität der dort geleisteten Arbeit zeigte sich schon bald. Bereits 1878 nahmen die Schulen von Genf, La Chaux-de-Fonds, Le Locle und Fleurier (gegründet 1875) an der Weltausstellung in Paris teil, wo sie mit Medaillen und  Ehrungen überschüttet wurden. Die Schulen stiegen so enorm in ihrer Achtung und Wertschätzung und eine Ausbildung in einer dieser Schulen war damals wie heute eine solide Grundlage für beruflichen Erfolg.

Zum Abschluss Ihrer Ausbildung mussten Absolventen einer Uhrmacherschule, ihr Können sichtbar unter Beweis stellen. Wesentlichste Merkmale derartiger „Schuluhren“ sind u.a. von den Absolventen selbst angefertigte Werkskomponenten, die eigenhändige Veredelung der Oberflächen und Politur von Stahlteilen, das Zusammenfügen zu einem funktionsfähigen Ganzen sowie die Regulierung des Gangs im Hinblick auf bestmögliche Resultate. In aller Regel bestätigt das Zeugnis einer offiziellen Institution (Observatorium, Prüfstelle) die Qualität des Gangs. Im Allgemeinen basieren derartige Zeitmesser, welche im 20. Jahrhundert an Schweizer Uhrmacherschulen entstanden, auf Rohwerken namhafter Hersteller. Von dort stammten häufig auch sonstige Furnituren wie z.B. Steine, Zugfeder, Schwing- und Hemmungssystem. Dies schmälert den Wert in keiner Weise. Selbiger resultiert neben der handwerklichen Qualität insbesondere aus der Tatsache, dass Schuluhren am freien Markt überaus selten käuflich zu erwerben sind. Der Grund liegt auf der Hand: Von solch einem Zeugnis seiner erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung trennt sich ein Schüler nur im äußersten Notfall. Die Schuluhr ist Ausweis und wichtiger Bestandteil im Lebenslauf eines qualifizierten Uhrmachers zugleich.

An Genfer Uhrmacherschule entstand in der ersten Hälfte der 1950er-Jahre die hier gezeigte Armbanduhr mit der Nummer 79. Das vom leider unbekannten Schüler verwendete Rohwerk stammt von Patek Philippe. Und zwar handelt es sich um das bewährte Handaufzugskaliber 12″‚‑400, welches die Manufaktur von 1950 bis 1961 mit den Nummern 720.000 bis 729.999 produzierte. Nicht bekannt ist, ob alle diese Nummern verwendet und daher 9.999 Exemplare dieses Uhrwerks hergestellt wurden. Seine Höhe beträgt vier Millimeter. Pro Stunde vollziehen die Glucydur-Schraubenunruh samt ihrer autokompensierenden Breguetspirale 18.000 Halbschwingungen, was einer Frequenz von 2,5 Hertz entspricht. Das mit einem Genfer Streifenschliff dekorierte Uhrwerk besitzt 18 funktionale Steine, Schwanenhals-Feinregulierung für den Rücker und eine „Parechoc“-Stoßsicherung. Von höchster Qualität zeugt bei dieser Schuluhr auchnoch ein weiteres Merkmal: der Poinçon de Genève auf Platine und Federhausbrücke, bekannt auch als Genfer Siegel.  Auch das wassergeschützte Stahlgehäuse mit 34,8 Millimetern Durchmesser trägt die Handschrift des Genfer Familienunternehmens. Patek Philippe brachte die damit ausgestatteten Armbanduhren ab 1951 unter der Referenznummer 2509 auf den Markt. Dank Schraubboden ist das darin verbaute Uhrwerk gegen Spritzwasser geschützt.

Wer eine Schuluhr ein Eigen nennen möchte, muss lange suchen. Sie sind ausgesprochen selten. Exemplare mit Uhrwerken allerbester Provenienz wie in diesem Falle Patek Philippe gelangen nur in Ausnahmefällen auf den Markt. 2005 versteigerte Antiquorum in Genf ein Exemplar mit der Nummer 289, angefertigt von Freddy Meylan, für 9.660 Schweizerfranken. Heutzutage dürfte der Preis für ein solches Exemplar mehr als das Doppelte betragen.

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2 Comments

  1. Ein äusserst gelungener Beitrag mit einer phantastischen Uhr!
    Seit Jahren bin ich immer wieder auf der Suche nach solchen Leckerbissen und staune, was ich finde, ich habe meine eigene Schuluhr immer noch…

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    • Wolfgang Winter

      Das freut uns. Die Uhr ist auch in Natura ausnehmend schön. Überdies haben Schuluhren immer eine Geschichte zu erzählen und das macht sie besonders. Noch viel Freude beim Lesen der einen oder anderen Geschichte. 🙂

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