Der „Moonwatch“-Chronograph trägt seinen Namen mit Fug und Recht
Der Weg der Omega Speedmaster zum Mond

Als die ersten Menschen am 21. Juli 1969 den Mond betraten, blickten die Astronauten auf eine Omega Uhr, die sich in härtesten Tests bewährt hatte

Der Weg der Omega Speedmaster zum Mond

Der Weg für Omega zur Speedmaster "Moonwatch" war ein harter, doch der Erfolg lässt die Uhr bis heute strahlen

Was für eine Unruhe

Mitunter können Schocks ausgesprochen anregend wirken. So geschehen am 4. Oktober 1957. Da nämlich rüttelte der Start des ersten sowjetischen Satelliten die heile Neue Welt kräftig durcheinander. Diesen massiven technologischen Nackenschlag konnten und wollten die amerikanischen Weltraumforscher nicht auf sich sitzen lassen. Der so genannte „Sputnik-Schock“ bewirkte in der Folgezeit die Aktivierung aller Intelligenz- und Kreativitätsreserven des Westens.
Als im Februar 1958 eine Rakete den amerikanischen Satelliten „Explorer I“ erfolgreich ins All trug, atmete der Westen auf. Fortan jagte eine Erfolgsmeldung die andere. Der amerikanische Traum von der Beherrschung des Weltraums begann Realität zu werden. Und tatsächlich reisten ab 1961 einige ausgesuchte Erdbewohner höchstpersönlich in den Orbit. Damit war klar – jetzt brauchte es präzise mechanische Uhren zur lückenlosen Kontrolle und Steuerung der Navigation wie Weltraumausflüge. Auf elektronische Zeitmesser alleine mochten sich die Verantwortlichen zu dieser Zeit verständlicher Weise noch nicht verlassen. Das Risiko eines Ausfalls erschien ihnen viel zu hoch. Eine sehr sehr weise Entscheidung, wie sich später noch herausstellen sollte.

Die Geschichte seit 1943

Die Biographie der so genannten Omega „moonwatch“ beginnt indes lange vor den ersten Ausflügen ins All. Außerdem besaß sie auch ganz andere Hintergründe. Genau genommen startete die Genese der Speedmaster Professional 1943 mit dem Rollout des legendären Schaltrad-Chronographenkalibers 27 CHRO C12 bei Lémania Èbauche im abgeschiedenen Vallée de Joux. Maßgeblich beteiligt an der Entwicklung: Jacques Reymond, Spross einer alt eingesessenen Uhrmacherdynastie. 1942 hatte er bei Lémania angeheuert. Zehn Jahre zuvor war der Werkefabrikant infolge der Weltwirtschaftskrise unter das Dach der SSIH-Gruppe mit ihren Uhrenmarken Omega und Tissot geschlüpft. CHRO stand übrigens bei der Kaliberbezeichnung für Chronograph, 27 für 27 Millimeter Werkdurchmesser und C12 für den zusätzlichen Zwölf-Stunden-Totalisator. Das von Omega Kaliber 321 genannte Werk galt damals als kleinstes seiner Art. Die Version ohne Stundenzähler hingegen hieß Kaliber 320.

Die technische Konzeption entsprach dem damaligen Stand der Zeit: Schaltrad zum Steuern der drei Funktionen Start, Stopp und Nullstellung, Unruhfrequenz 18.000 Halbschwingungen/Stunde, Fünftelsekunden-Stoppgenauigkeit, autokompensierende Breguet-Spirale und eine Gangautonomie von 46 Stunden. Allerdings musste die erste Serie noch ohne Stoßsicherung auskommen. Ursprünglich hatten die Produktplaner für das neue Kaliber sogar fünf Gehäusegrößen von 30 bis 37,5 Millimeter vorgesehen, dazu kam es aber nicht.

Die wasserdichte Version mit runden Drückern gelangte übrigens ausnahmslos mit 12-Stunden-Zähler in die Geschäfte. Welch hohe Wertschätzung die Uhr genoss, konnte man daran absehen, dass ein Exemplar dieses Chronographen auch ans Handgelenk von Winston Churchill fand, als sich dieser im Jahr 1946 nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs am Genfer See entspannte. Gegen 1949 erfolgte dann die Verknüpfung der Kaliberbezeichnungen zu 27 CHRO C12 – 321 und 27 CHRO – 320 ohne Stundenzähler.

Der „Speedmaster“ kommt

Das Jahr 1957 muss als besonders wichtiges Jahr gelten, denn hier startete die Produktion der späteren Omega „Moonwatch“. Das Gehäuse verdankte Omega u.a. Claude Baillod, dem Stylisten des Gehäuseherstellers Huguenin, Georges Hartmann, dem Prototypisten, und Desire Faivre, dem die Feinbearbeitung oblag. Die Merkmale der perfekt abgestimmten fertigen Armbanduhr: schwarzes Zifferblatt, Leuchtzeiger, Tachymeterskala, wasserdichtes Gehäuse, Durchmesser zunächst 39 Millimeter, dann ab 1960 mit 40 Millimeter Durchmesser, mit schwarz grundierter Tachymeterskala auf dem Glasrand, verschraubter Boden, bombiertes Plexiglas und flexiblem Metallarm­band. Das Uhrwerk schützte zunächst auch ein zusätzlicher Innendeckel.

Im Jahr 1958 gelangte dann für Omega „der neue Chronograph, entwickelt für Wissenschaft, Industrie und Sport“ offiziell in den Handel. „Speedmaster“, der Modellname, kam natürlich nicht von ungefähr. Zum einen ergänzte er die Omega-Linien „Seamaster“ und „Railmaster“. Zum anderen spiegelte er die Tachymeterskala auf dem Glasrand wider. Dabei handelt es sich um ein intelligentes Hilfsmittel zum problemlosen Ermitteln von Durchschnittsgeschwindigkeiten über einen Kilometer oder eine Meile hinweg. Nicht zuletzt deshalb platzierten Werbekampagnen den Newcomer anfänglich auch ins Umfeld von Formel-1-Rennen.

Ein kleines Detail: Die französischen, britischen, kanadischen und schwedischen Luftstreitkräfte bezogen Exemplare dieses neuen Chronographen. Und sie verlangten, dass die an sie gelieferten Armbanduhren die drei Sterne als Qualitätssiegel des Observatoriums von Besançon aufweisen mussten. Was aber kein Problem war. Die Uhr war von ausnehmend gewinnendem Design und für Piloten nütztlich. Aber auch die Präzision wie die Qualität war sehr gut und die Uhr wurde schnell zum Erfolg.
Dazu beigetragen hat sicherlich auch der anfängliche sehr attraktive Preis. Mit Stahlband kostete der Omega Schaltrad-„Speedmaster“ nur 410 Schweizer Franken.

Einfach, aber nicht minder funktional

Seit mehr als 60 Jahren ist der Omega „Speedmaster“-Chronograph nun optisch nahezu unverändert am Markt. Allerdings forderte die kontinuierlich wachsende Nachfrage ihren Tribut in Gestalt etlicher Modifikationen. Die dazu nötigen Konstruktionsarbeiten währten bei Lémania von 1965 bis zum August 1968. Dann stand das deutlich vereinfachte Kaliber 861 zur Verfügung. Den Job des aufwändigen Säulenrads übernahm nun eine deutlich simplere Kulissenschaltung. Die Vorteile waren schnell ersichtlich: Leichteres Regulieren, stabilere Gangresultate und die Verwendung einer kostengünstigeren Flachspirale ermöglichte die Steigerung der Unruhfrequenz von 2,5 auf 3 Hertz oder stündlich 21.600 Halbschwingungen. 

Ein Test auf Herz und Nieren

Es war das Jahr 1962 und die amerikanische Weltraumbehörde NASA hatte ihr Mercury-Programm mit Ein-Mann-Flügen weitgehend abgeschlossen. Am 24. Mai diesen Jahres umkreiste Scott Carpenter während der Mission Mercury-Atlas 7 die Erde im Raumschiff Aurora 7 drei Mal. Am Handgelenk trug er dabei einen „Navitimer Cosmonaute“-Chronographen von Breitling.
Als Walter Schirra mit der Kapsel Sigma 7 jedoch am 3. Oktober 1962 sechs Erdumrundungen zurücklegte, war erstmals ein Omega „Speedmaster“-Chronograph mit von der Partie. Der erste Schritt ins All war erfolgt.
Inzwischen liefen auch die Vorbereitungen für die Gemini- (zwei Männer) und Apollo-Missionen mit drei Mann Besat­zung bereits auf vollen Touren. Überdies sollten sich auch die Astronauten frei im All bewegen. Entsprechend wichtig war deshalb eine spezielle, hoch belastbare Armbanduhr. Denn außerhalb der Raumkapsel mussten Astronauten ihre Sauerstoffreserven, die Ladung der Batterien, die Foto-Belichtungszeiten oder die Öffnungsdauer der Kraftstoffzellen-Verschlüsse zeitlich genau kontrollieren.
Bei Weltraum-Spaziergängen im luftleeren Raum würde die Armbanduhr dabei bei jeder Drehung des Handgelenks aus dem Schatten ins ungefilterte Sonnen­licht gelangen. Damit verbunden wäre ein Temperaturschock von mehr als 100 Grad Celsius. Auf dem Mond, dem erklärten Ziel der NASA, ging es sogar noch härter zu. Hier herrschten Temperaturschwankungen von minus 160 bis plus 120 Grad Celsius. Dies war enorm und umso wichtiger war es, dass ein zeitstoppender Chronograph derlei Weltraum-Belastungen klaglos widerstehen konnte.

 

Das Ausleseverfahren

Um herauszufinden, welche der marktüblichen Chronographen den Strapazen einer Weltraummission am besten gewachsen sein würde, startete die NASA in Houston ein anonymes Casting-Prozedere. Inkognito betraten zwei Bedienstete das Geschäft von Corrigan’s, dem ersten Uhren-Fachhändler am Platz. Ohne viele Worte der Erklärung erwarben sie einfach zehn Armbanduhren verschiedener Marken, deren Weltraum-Eignung das Testlaboratorium anschließend diskret, aber gründlich checkte. Zwei Jahre später konkurrierte Omega nur noch mit drei Marken um die Eignung fürs ferne All.

Von diesen erbat das „NASA Manned Spacecraft Center, Gemini & Flight Support Procurement Office, Houston, Texas 77058“ am 29. September 1964 eine Offerte für jeweils ein Dutzend Serien-Zeitmesser, welche ein umfassendes Ausleseverfahren zu bestehen hatten. Schließlich war es soweit. Die Norman M. Morris Corp., New York, Omega-Importeur für den amerikanischen Markt, lieferte am 21. Oktober 1964 zwölf Speedmaster Chronographen ohne Band zum regulären Preis von jeweils 82,50 Dollar.

Anschließend mussten die Probanden durch eine Hölle, welche die Strapazen des Weltraums simulierte. Weil die NASA das Risiko eines Ausfalls unter allen Umständen ausschalten wollte, lagen die Anforderungen dabei sogar noch deutlich über dem, was die ausgewählten Uhren später erwarten würde. Im Rahmen mehrwöchiger Tests durchlitten sie für Uhren bislang unbekannte Torturen, darunter:

– schockartige Temperaturwechsel von minus 18 bis plus 93 Grad Celsius,

– Wasserdichtigkeitsprüfungen,

– Korrosions- und Abnützungstests,

– Wechselbelastungen von Über- und Unterdruck,

– abrubte Verzögerungen und Beschleunigungen von bis zu 16 g, wobei ein g rund 9,81m/s² entspricht, sowie

– heftige Stöße von bis zur 40-fachen Erdanziehungskraft (40 g).

Um die Wucht dieser Stösse und Beschleunigungen richtig einzuschätzen muss man wissen, dass Menschen durchschnittlich bei 5 bis 6 g in Ohnmacht fallen. Kräfte von mehr als 10 g wiederum führen zu schweren Verletzungen führen oder enden gar tödlich. Somit war klar – der Testdurchlauf für die Omega Speedmaster war von besonderer Härte, doch die Uhr hatte sie bestanden.

Die Bewährung im All

Am 1. März 1965 erklärte die NASA den Omega-Chronographen zur offiziellen Uhr für ihre Weltraum-Missionen. Die erste Bewährungsprobe erfolgte schon während des Gemini-Titan-III-Fluges, zu dem die Astronauten Grissom und Young am 23. März 1965 um 4.52 Uhr abhoben.
Die echte Stunde der Wahrheit schlug jedoch am 3. Juni 1965, als Edward White im Rahmen der Gemini-IV-Mission seinen Weltraum-Spaziergang mit einer Omega Speedmaster absolvierte. Als Omega im April 1966 davon erfuhr, so wurde berichtet, erhielt der Stopper umgehend den Namenszusatz „Professional“.

Übrigens gingen die Dinge in den USA nicht ganz so problemlos über die Bühne. Bulova, ein amerikani­scher Konkurrent ohne spezifische Chronographen-Erfahrungen, welchen der Weltkriegsheld General Omar Bradley leitete, wirkte auf die Weltraumbehörde ein, doch seine Produkte wegen des besonderen Werts heimischen Schaffens zu verwenden. Dagegen sprach nicht das Geringste. Nur hatten sich zuvor die Bulova-Zeitmesser wie alle anderen dem strengen Ausleseverfahren zu unterwerfen, wo sie gleich zwei Mal scheiterten. Es gab nichts zu deuteln – Omega blieb der Sieger.

 

Die Mondlandung

Am 16. Juli 1969 begann die bis dato teuerste Reise der Menschheit. Exakt um 09:32 hob die riesige Saturn-5-Rakete mit der Apollo XI-Kapsel gravitätisch in Richtung Mond ab. Ein gewagtes Unterfangen, jedoch ging alles gut. Am 21. Juli um 2:56 Uhr GMT erfolgte schließlich die Landung auf dem Mond und Neil Armstrong sprach seine weltbekannten Worte: „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein Riesenschritt für die Menschheit.“

Rein theoretisch hätte ihn sein Omega Speedmaster Chronograph auch beim Ausstieg begleiten sollen. Doch kurz nach dem Aufsetzen der Fähre konstatierte Buzz Aldrin, dass der elektronische Bord-Zeitmesser nicht mehr funktionierte. Nicht so die Omega, die problemlos die weite Reise überstanden hatte. Ergo ließ Armstrong seine Uhr vorsichtshalber in der Mondfähre zurück. Damit war Aldrins Omega Speedmaster der erste Chronograph auf dem Mond.
Amüsanterweise löste sein Satz „Ich glaube, meine Uhr ist stehen geblieben!“ bei Omega zunächst Schockstarre aus. Die Erklärung war jedoch recht einfacht. Aldrin hatte im Eifer des Gefechts versehentlich den Stopp-Drücker betätigt. Bedauerlicher Weise ging dieses tickende Andenken an die erste Reise zum bleichen Trabanten der Erde verloren. Die Uhr ist Anfang 1970 zusammen mit anderen Weltall-Habseligkeiten durch einen Diebstahl abhanden gekommen. Nicht verloren gegangen ist indes die Faszination, die bis heute von der „Moonwatch“ Omega Speedmaster Professional ausgeht.

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