Der Rolex Weg zum zertifizierten Chronometer
Wilsdorfs Wille nach echter Präzision brachte Rolex den zertifizierten Chronometer

Wie schwer es Pioniere im Leben haben, musste der ambitionierte Rolex Gründer Hans Wilsdorf in seinem Wunsch nach präziser Chronometrie in den Jahren nach 1905 oft erfahren. Doch durch Beharrlichkeit und Konsequenz machte er und seine Nachfolger Rolex zum weltweit größten Hersteller von zertifizierten Chronometer.

Wilsdorfs Wille nach echter Präzision brachte Rolex den zertifizierten Chronometer

Hans Wilsdorf und die zertifizierten Chronometer von Rolex

Alles Chronometer, warum nicht?

Wenn sich der gebürtige Bayer Hans Wilsdorf sich ein Ziel vornahm – wie etwa einen zertifizierten Chronometer von Rolex anbieten zu können, dann setzte er es auch gegen alle Vorbehalte durch. So galt von Beginn an sein Bemühen um eine hohe Ganggenauigkeit der vergleichsweise kleinen Armbanduhren. Sie sollten keinesfalls hinter der Präzision der größeren Taschenuhren zurückstehen.

Vom ersten Moment an verfolgte ich ein Ziel, das erfahreneren Fachleuten vorerst unerreichbar erschien. Ich wollte aus der noch jungen Armbanduhr eine hochwertige Präzisionsuhr machen. Mir schwebte vor, sie so zu vervollkommnen, dass aus ihr ein richtiger Chronometer würde.

Hans Wilsdorf

Dass dieses hehre Ziel für einen Rolex Chronometer keineswegs aus der Luft gegriffen war, bestätigte die amtliche Uhren-Kontrollstelle in der Bieler Uhrmacherschule schon 1910. Sie hatte ein 25 Millimeter kleines Rolex-Uhrwerk zwei Wochen lang ausgiebig geprüft und ihm danach am 22. März einen Gangschein 1. Klasse Zertifikat zuerkannt.

Nach diesem Erfolg für einen zertifizierten Rolex Chronometer kannte Mr. Wilsdorf in London keinen Pardon mehr: Kategorisch verlangte er von seinem Schweizer Partner und Lieferanten Aegler, dass alle gelieferten Uhrwerke ganz prinzipiell derart hohen Anforderungen eines Chronometerzertifikats zu entsprechen hätten. Nachfolgend der übersetzte und in Klammern kommentierte Brief aus London nach Biel. Das Original folgt weiter unten.

Messrs. Aegler, 

Bezgl. der Rhabillages (Reparaturen, Fehlerbehebung) können wir uns nicht erklären, wieso dieselben in so schlechten Zustand geraten haben können. Es ist jedoch von der allergrößten Wichtigkeit, dass Sie sich daran machen, alle Rhabillages sehr schnell zu retournieren. Sie behalten diese Rhabillages viel zu lange und das geht eben nicht. Sie können uns mit den Spesen belasten, aber Sie müssen rasch retournieren. – Bei dieser Gelegenheit wollen wir Sie nochmals darauf aufmerksam machen, dass Sie un­bedingt größte Aufmerksamkeit der Réglage widmen. Uhren müssen glace dessous (Glas unten) und glace dessus (Glas oben) und au pendant (Kronenlagen) reguliert werden, damit Fehler im Echappement und in den Steinlöchern gefunden werden. 

Es gibt jetzt soviel Concurrenz in dergleichen Uhren und Werken, dass man sehr sehr vorsichtig sein muss. – Der Schreiber dieses Briefs wird in einigen Monaten ein Réglage-Zimmer einrichten und alle Rolex-Uhren werden darin aufs Genaueste geprüft. Nicht mit niedrigeren Preisen, sondern mit erhöhter Qualität wollen wir den Markt halten und vergrößern. Wäre es möglich, 6 Stück Ihrer Uhren vorzubereiten für Kew Epreuve (31 Tage)? Diese Werke sollten in têtes bracelets 18 ct. (in 18-karätigen Goldgehäusen für Armbänder) sein und im Falle dass wir 6 Certificate bekommen, wollen wir enorme Reklame machen. – Es ist dies unbedingt nötig, um die Concurrenz zu töten und coûte que coûte (um jeden Preis), es muss gemacht werden. Auch wenn jedes Werk 100.– kostet, macht nichts, aber das Renommee der Rolex Uhr soll gehoben werden. – Ihren Nachrichten gewärtig.  
Frdl. Gruss Wilsdorf & Davis

Hans Wilsdorf

Zertifiziert in England

Die zweite offizielle Probe und aufs Exempel folgte 1914. Nach 45‑tägigem Check stellte die Sternwarte Kew Teddington, Middlesex, England, erstmals ein Zertifikat der Klasse A für eine Armbanduhr aus. Weil es noch kein Reglement für derart kleine Uhrwerke gab, musste sich die Rolex mit deutlich größeren Marinechronometern messen.

Am 14. Juni 1925 erfüllte sogar ein noch kleineres Werk für Rolex Damenuhren die strengen Bedingungen für einen zertifizierten Chronometer.

Vergebliche Liebesmüh für einen präzisen Chronometer

Dass dieses Engagement vor allem in England nicht den erwarteten Widerhall fanden, trieb den 1920 nach Genf migrierten Rolex Patron auf die Palme. Nachdem er im Juni 1927 ein offizielles Schreiben des National Physical Laboratory Teddington, Middlesex, erhalten hatte, wandte sich Hans Wilsdorf noch im September des gleichen Jahres schriftlich an den Herausgeber des renommierten englischen Goldsmiths Journal. Dessen umgehend abgdruckter Inhalt zeugt von der visionären Denkweise des Präzisions-Pioniers auf dem Gebiet der Armbanduhren.

Rolex zertifizierten Chronometer

Die Beharrlichkeit von Hans Wilsdorf blieb jedoch nicht umsonst und der Erfolg stellte sich ein. Er führte dazu, dass Rolex im Laufe der Jahrzehnte zur unangefochtenen Nummer 1 auf dem Gebiet offiziell geprüfter Armbandchronometer avancierte. Uhrenkosmos möchte unseren Leserinnen und Lesern dieses denkwürdige und auch heute noch in mehrfacher Hinsicht aussagekräftige Dokument keinesfalls vorenthalten, schließlich bildet es mit das Fundament für die zertifizierten Chronometer und damit den Weg der Armbanduhren zur Präzision.

WARUM DEN UHRENHANDEL ENTWÜRDIGEN?

Ein Brief an den Herausgeber des Goldsmiths Journal von Herrn Wilsdorf von der Rolex Watch Co. Ltd., Genf

“Ich war erfreut, dass Sie es ermöglichen konnten, uns in Genf einen Besuch abzustatten, weil es mir gestattete, Ihnen einige der Dinge zu erzählen, die mir durch den Kopf gingen, und Ihnen auch die Organisation zu zeigen, welche wir in den letzten neun Jahren an unserem Hauptsitz in Genf aufgebaut haben.

Ich lege Ihnen eine Tabelle bei, die wir anhand der von der Schweizer Regierung herausgegebenen offiziellen Monatsstatistik erstellt haben und die Ihnen den Durchschnittswert der verschiedenen Arten von Uhren angibt, welche in den ersten sechs Monaten dieses Jahres aus der Schweiz versandt wurden. Sie ist selbsterklärend und ist auch der Schlüssel zu den sehr unbefriedigenden Bedingungen, welche im englischen Schmuckhandel herrschen, wo sich der Fokus der Betrachtung auf einen billigen Preis und nicht auf die Qualität richtet.

Das reichste Land kauft die billigsten Uhren

Seit vielen Jahren beobachten wir das Phänomen, dass das reichste und mächtigste Land der Welt (mit Ausnahme der U.S.A. hinsichtlich des Reichtums) die billigsten Uhren aller Länder kauft; selbst die kleinsten und ärmsten Länder kaufen Uhren von besserer Qualität als das mächtige und reiche England. Was ist der Grund dafür? Der Fehler liegt bei den Juwelieren selbst, deren Ziel es ist, billiger als alle anderen zu verkaufen. Und als der Wettlauf der Preise nach unten einmal begonnen hatte, war er nicht mehr aufzuhalten. Praktisch alle Anzeigen, die man sieht, beziehen sich auf die Billigkeit, und zu allem Überfluss werden Garantien von zwei bis zehn Jahren angeboten.

Der britischen Öffentlichkeit wird seit vielen Jahren von einer großen Zahl von Juwelieren erklärt, wie billig Uhren sind, und folglich ist der Durchschnittswert pro verkaufter Uhr in Großbritannien niedriger als selbst in den ärmsten Ländern der Welt. Dies ist die Ursache für den geringen Wohlstand der Juweliere. Würde jeder in die entgegengesetzte Richtung arbeiten und sein Bestes tun, um gute und wirklich hochwertig gemachte Uhren zu verkaufen, und die Idee missbilligen, beim Preis ganz unten statt bei der Qualität ganz oben auf der Liste stehen zu wollen, würde jeder von einem größeren Umsatz und einer größeren Zufriedenheit von Geist und Geldbeutel profitieren.

Juweliere sollten ihre Verkäufer ständig anweisen, die Vorzüge und die Schönheit feiner Uhren zu loben, und den Käufer stets dazu ermutigen, etwas mehr zu bezahlen und das Beste zu bekommen. Es ist sicherlich nicht klug, eine goldene Armbanduhr für 50 Sterling wie ein Seifenstück über den Ladentisch zu verkaufen.

In den meisten Fällen ist es leicht möglich, den Kunden davon zu überzeugen, dass der Kauf einer besseren Uhr eine gute Investition ist. Die Qualität des Uhrwerks, die Schönheit des Gehäuses, das Zifferblatt, die Zeiger sind alles Mittel, mit denen ein Kunde angezogen und überzeugt werden kann.

Diese Gedanken veranlassten uns dazu, weitreichend in der britischen Öffentlichkeit zu werben und ihr die Augen für die schöne und wirklich feine Qualität unserer Uhren zu öffnen. Wir treten nie für Billigwerbung ein, denn gute Qualität und Billigwerbung vermischen sich nie; wir locken durch die Schönheit unserer Designs und durch technische Überlegenheit.

Erstes Kew-Zertifikat für den Rolex zertifizierten Chronometer

Die Idee, einen zertifizierten Chronometer mit Kew-Zertifikat herzustellen, hatte Hans Wilsdorf, der Verfasser dieser Zeilen bereits 1908 in London. Der dazu gehörige Brief, den er schrieb und in dem er die Bieler Fabrik im Sinne von hoher Rolex Qualität und den daraus folgenden zertifizierten Chronometer instruierte, hängt heute gerahmt wie ein wertvolles Bild im dortigen Büro. Er erwies sich nämlich als die Grundlage des großen Erfolgs. Wilsdorf schreibt:

Es dauerte sechs Jahre, bis das gewünschte Ergebnis erreicht war, denn erst im Juli 1914 erhielten wir unser erstes Kew A. Zertifikat für eine 11-linige Rolex-Armbanduhr. Dies war das erste Kew A. Zertifikat, welches jemals für eine Uhr mit 11 Linien ausgestellt wurde. Und wie das beiliegende reproduzierte des Nationalen Physikalischen Laboratoriums von Teddington beweist, haben bis heute, d.h. dreizehn Jahre später, keine Uhren mit weniger als 13 Linien außer der Rolex ein Kew A. Zertifikat erhalten.

Wir besitzen Kew A. „besonders gut” mit 86½ Punkten sogar für unser rechteckiges Uhrwerk mit 6¾ Linien. Was ist das Gute an diesen Kew-Zertifikaten, werden Sie sich fragen? Nun, ohne sie wäre es unmöglich gewesen, die 101 Schwierigkeiten zu ergründen, welche einer perfekten Zeitmessung im Wege stehen. Und ohne sie könnten wir heute nicht beweisen, dass all das Wissen, welches wir bei der Vorbereitung dieser Uhrwerke für den Kew-Test gewonnen haben, definitiv in unserer täglichen Produktion umgesetzt wurde.

Vollständig getestete Uhren zu beliebten Preisen

Seit Anfang dieses Jahres haben wir mit der Herstellung von Rolex-Uhrwerken in „Observatoriumsqualität“ in sehr großen Mengen zu populären Preisen begonnen, die für die breite Masse des Volkes bezahlbar sind. Jede dieser Uhren wird mit einem offiziellen Ratingzertifikat der Schweizer Regierung in Originalgröße geliefert. Sie werden zugeben, dass dies eine erstaunliche Leistung ist. Es ist sogar noch mehr als unsere 20 Weltrekorde, denn die Observatoriumsqualität, einschließlich des Zertifikats, und die durchgehend feine Ausführung in allerbester Qualität, ausgestattet mit 18 hochwertigen Rubinen, kostete den Juwelier nur 35 Sterling mehr als unsere Prima-Qualität. Mehrere hundert dieser Uhren haben in den letzten Monaten den offiziellen Test bestanden, und wir steigern unsere Produktion täglich. Solche Uhren werden regelmäßig nachgefragt, weil sie für die meisten Menschen erschwinglich sind. Wie viele Männer und Frauen betreten täglich jedes gute Juweliergeschäft, die bereit wären, ein paar Pfund mehr zu bezahlen, wenn sie den besten Zeitmesser bekämen, der gerade hergestellt wird? Wie viele Menschen wären froh zu wissen, dass solche feinen Uhren, die besonders getestet und zertifiziert sind, sowie unter allen Klima- und Tragebedingungen eine Präzision im Bereich weniger Sekunden aufweisen, jetzt in jeder Größe ab 5½Linien oval aufwärts und in jedem Stil sowohl für Männer als auch für Frauen, in Silber, Gold oder Platin erworben werden können? Wie viele Menschen haben schon hohe Preise für diamantbesetzte Platin- oder 18-Karat-Golduhren bezahlt, welche nie wirklich zufriedenstellend waren?

Ziel unserer Werbung ist es, der britischen Öffentlichkeit zu vermitteln, dass wir feine Armbanduhren zu moderaten Preisen herstellen, die mit Sicherheit Freude bereiten und bei denen man sich ab dem Kauf auf die korrekte Zeit verlassen kann. Wir geben dem Schmuckhandel eine uneingeschränkte Garantie für hervorragende Qualität, und unser System, bei dem jede Uhr mindestens drei Wochen lang in sechs Positionen getestet wird. Dadurch stellen wir sicher, dass nur solche Uhren, die dem Rolex-Standard entsprechen, aus Genf versandt werden. Wir behaupten, dass die Rolex bestätigt durch Tests einfach die beste ist

H. Wilsdorf

Genf (Rolex Watch Co. Ltd.)

Über den Autor

Gisbert L. Brunner

Uhrensammler seit 1964 Journalistische Tätigkeit in Sachen Uhren seit 1981 Autor und Co-Autor von mehr als 30 Büchern über Armbanduhren und namhafte Uhrenmarken

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