Hat „Timing and Repeating Watch Co.“ mit Sitz in Genf einen der allerersten Armbanduhr-Chronographen produziert?
Ein früher Chronograph fürs Handgelenk

Am Anfang waren Zeitmessers fürs Handgelenk zumeist enge Verwandte der Taschenuhr. Entsprechend dienten zumeist angelötete Drahtbügel zur Befestigung des Armbands. Trotzdem ist diese Uhr etwas Besonderes.

Ein früher Chronograph fürs Handgelenk

Ein früher historischer Chronograph mit innovativer Technik von Timing & Repeating

Wahrscheinlich fürs Handgelenk gemacht

Beim Blick auf diesen großen ArmbandChronographen mit der Signatur „Timing & Repeating Watch Co. Genf“ stellt sich natürlich zunächst die Frage, ob es sich überhaupt um ein authentisches Stück handelt oder um eine transformierte Taschenuhr.
Für erstgenannte Annahme spricht unter anderem die Positionierung der Permanentsekunde bei „9“ und des 15-Minuten-Totalisator gegenüber bei „3“ auf einer Linie mit der Krone.
Traditionsgemäß findet sich diese Anordnung bei offenen Taschenuhren ohne Sprungdeckel, auch Lépine genannt. Hier dreht die Permanentsekunde bei „6“ ihre Runden, während der Zähler unterhalb der Krone agiert. Diese Form muss sich natürlich auch in der Indexierung des Zifferblatts wiederspiegeln. 

Die Uhrwerke klassischer Armbandchronographen sind ebenfalls in besagter Lépine-Bauweise ausgeführt. Fürs Handgelenk wird die Indexierung jedoch um 90 Grad nach links gedreht. Genau das ist bei diesem Original-Emailzifferblatt mit Kronenaufzug der Fall. Zum Stellen der Zeiger braucht es somit ein zusätzliches Bedienelement knapp unterhalb der Krone.
Gegen eine umgebaute Taschenuhr spricht ferner auch das Fehlen eines Kronenhalses als Befestigungselement für den Bügel. Hier hingegen reicht die Aufzugswelle durch einen kurzen Tubus ins Innere des Nickelgehäuses. Ausdauerndes Tragen hat dabei die ursprüngliche Guillochierung des Scharnierbodens beinahe komplett abgenützt. Hier ist nur noch der zentrale Ausgangspunkt für das in erster Linie dekorative Element erkennbar.
Was aber für die Qualität der Uhr spreche sollte. 

Ein genialer Entwurf 

Die Konstruktion des Uhrwerks stammt von Henry Alfred Lugrin. Bereits mit zwanzig Jahren wanderte der 1848 geborene Uhrmacher mangels beruflicher Chancen am heimischen Markt in die Vereinigten Staaten von Amerika aus. Jenseits des Großen Teichs arbeitete er bis 1880 bei Eugène Robert an. Das 1866 gegründete Handelshaus für Schweizer Uhren kooperierte unter anderem mit Ernest Francillon, dessen Marke bekanntlich Longines hieß.
Die Vertriebstätigkeit erstreckte sich auch auf Zeitmesser der in Le Locle beheimateten Gebrüder Stolz. Sie hatten sich den Namen Angelus schützen lassen. Anscheinend schätzte der Arbeitgeber das kreative uhrmacherische Potenzial seines jungen Angestellten, denn nebenbei konnte sich Alfred Lugrin um eigene Erfindungen kümmern.

Ein besonderes Faible entwickelte Henry Alfred Lugrin dabei für Stoppuhren und Chronographen. Dieser besondere Typus Zeitmesser erfreute sich insbesondere bei Militärs, Sportlern, Wissenschaftlern und Industriebetrieben kontinuierlich zunehmender Beliebtheit. Dass diese kreative Tätigkeit von Erfolg gekrönt war ist daran abzulesen, dass Lugrin bis ins Jahr 1897 nicht weniger als 20 Patenten entgegennehmen konnte. Vor allem in den USA konnte er bei seinen Uhren mit einer besonderen Konstruktion punkten. Diese ließ sich relativ leicht auf der Rückseite vorhandener Uhrwerke mit so genannter Dreiviertelplatine montieren. Diese kostensparende Bauart ermöglichte wiederum die Herstellung von preislich sehr attraktiven Chronographen.

Zu den wichtigsten Kunden für diese Uhren gehörte die in Waltham ansässige American Waltham Watch Co. Sie montierte die ausgeklügelten Module vor allem auf den 14-Size-Kalibern 1874 (ab 1877) und 1884 (ab 1884) mit 41,5 Millimetern Durchmesser. Der Verkauf erfolgte schließlich unter dem Namen Waltham. Allerdings trugen alle Uhrwerke die Patent-Daten auf Platine oder Chronographenbrücke.
Auf dem Weg zum Chronographenfabrikanten erkannte jedoch auch Longines in der Schweiz die Vorzüge dieses Konzepts. Und so trug das Schaltwerk des 1878 vorgestellten Kalibers 20H mit 20 Linien Durchmesser (ca. 46 Millimeter) unübersehbar die geistige Handschrift Alfred Lugrins.

Erste Vertikalkupplung

Besonders bemerkenswert präsentiert sich die für damalige Verhältnisse ausnehmend innovative Kupplung. Analog zur Horizontalkupplung besteht sie aus insgesamt drei Rädern: Das Mitnehmerrad auf der nach hinten verlängerten Welle des Sekundenrads, das (kleine) Kupplungs- und das Chrono-Zentrumsrad. Schräge Flächen mit sehr feiner Verzahnung zur Steigerung der Friktion übertragen dabei die Bewegungsenergie.
Im Gegensatz zu den damals allgemein üblichen Uhrwerken erfolgte das Ein- und Auskuppeln jedoch durch leichtes Absenken bzw. Anheben des Chrono-Zentrumsrads. Es war zur damaligen Zeit auch üblich, die Steuerung der drei Funktionen Start, Stopp und Nullstellung mit Hilfe eines einzigen Drückers sowie eines durchaus ungewöhnlich geformten Schaltrads erfolgen zu lassen.

Gemeinsam mit ihrer Breguetspirale vollzieht die bimetallische Unruh unter einem gravierten Kloben stündlich 18.000 Halbschwingungen, was einer Frequenz von 2,5 Hertz entspricht. Die Verstellung des Rückerzeigers obliegt dabei einer Schwanenhals-Feinregulierung. Das vergoldete 19-linige Basis-Uhrwerk mit verschraubtem Chaton trägt die Seriennummer 42850. Gegen die Verwendung eines amerikanischen Waltham-Kalibers spricht übrigens das Swiss Made am Zifferblatt.
Nicht zu übersehen ist auch der Hinweis auf Alfred Lugrin. Auf sein Patent vom 1. Dezember 1885 weist eine entsprechende Gravur hin.

Von New York nach Genf

Bei der am Zifferblatt signierenden „Timing & Repeating Watch Co.“ handelt es sich ein 1890 von Prosper Nordmann in Genf gestartetes Unternehmen. Wie der Name andeutet, spezialisierte es sich auf einfache Chronographen, kompliziertere Exemplare mit Schleppzeiger sowie Uhren mit Repetitionsschlagwerk. Zu haben war übrigens auch die Kombination aus beidem.
Die Ursprünge der Firma finden sich in New York, wo enge Beziehungen zu American Waltham und dem Nachfolger der eingangs erwähnten E. Robert & Co. bestanden. Gemeint ist die 1885 in New York vom Schweizer Immigranten Albert Wittnauer gegründete Firma gleichen Namens. Kleine Randbemerkung – in den Geschäftsräumen an der New Yorker Maiden Lane domizilierte nicht nur der US-Vertrieb von Longines-Uhren, sondern auch das „Headquarter for Timing & Repeating Watches“.

Aber zurück zum abgebildeten Zeitmesser. Dieser ist gegen 1895 entstanden und damit wohl einer der frühesten Armbandchronographen.
Sein stattlicher Durchmesser von 50 Millimeter beeindruckt, resultiert jedoch logischer Weise aus der Größe des verbauten Uhrwerks. Denn kleinere oder gar speziell fürs Handgelenk gebaute Chronographen waren im späten 19. Jahrhundert eben noch nicht zu haben.

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  1. Prospex und Presage Jubiläums-Chronographen von Seiko | Uhrenkosmos - […] ganz anderen Kupplungsweg beschritt Henri-Alfred Lugrin in den 1870-er Jahren. Genau genommen handelte es sich um einen Hybrid aus…

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