Interview mit Arnaud Chastaingt über die Gestaltung der neuen Chanel J12
„Revolutionen finden eben nur einmal statt“

Wie entwickelt man eine Uhr deutlich weiter, obwohl sie bereit schön, erfolgreich und gelungen ist. Arnaud Chastaingt ist das Wagnis eingegangen. Gewonnen haben er und die neue Chanel J12 Keramik-Armbanduhr.

„Revolutionen finden eben nur einmal statt“

Chanel Designchef Uhren Arnaud Chastaingt mit seinem neuen Werk

Ein großes Erbe

Es ist keine leichte Aufgabe für Arnaud Chastaingt, den Direktor des Chanel Kreativ Studios Uhren, gewesen. Schließlich ging es darum, die Chanel J12, das erfolgreiche Flagschiff der Chanel Uhrenlinie zu modernisieren.  Nur, wer möchte Hand an einen Entwurf legen, der allgemein als gelungen und komplett gilt? Sicher keine leichte Aufgabe.
Arnaud Chastaingt tat es und was umso erfreulicher ist – die Chanel-Uhr J12 sieht auf den ersten Blick unverändert aus. Doch in Wirklichkeit wurde an ganz vielen Ecken und Enden Hand angelegt und die neue Gestaltung ist aktueller, kompletter und hat sich positiv weiterentwickelt.
Grund genug für Uhrenkosmos mit dem Designer zu sprechen und ihn schnell zu seinen Ideen und Änderungen zu befragen.

Uhrenkosmos: Die Chanel J12 als Ikone zu bezeichnen, ist sicherlich kein Fehler. Seit knapp 20 Jahren ist diese Armbanduhr nun auf dem Markt. Wie geht man als Designer mit solch einem Produkt um?
Arnaud Chastaingt: Ich bin ja nicht der geistige Vater der J12. Das war Jacques Helleu. Als diese Armbanduhr vor 20 Jahren schuf, war das ein ungemein imponierender kreativer Akt. 2000 war ich 20 Jahre alt. Ich arbeitete in Paris als Designer und war sehr beeindruckt von der J12. Damals besaß ich noch kein richtiges Gespür für die Welt der Uhren. Als junger Produktgestalter interessierte mich Mode weitaus mehr.

Wie wirkte die J12 auf Sie?
Für mich war diese Armbanduhr so etwas wie eine Revolution. Etwas ganz Erstaunliches. Und zwar als Designobjekt, weniger mit Blick auf das Uhrwerk oder die technische Seite. Die J12 war ja nicht nur eine Revolution für einen selbst, sondern auch eine Revolution in der Uhrenwelt. Wenn Journalisten die J12 als wirkliche Revolution in der Uhrenwelt bezeichneten, lagen sie sicher nicht ganz daneben.

Kommen wir zum Design
Im Jahr 2003, als die weiße Chanel J12 am Markt erschien, arbeitete ich für Cartier. Es waren meine ersten Schritte in die Uhrenwelt nach Abschluss der Schule. Ich muss gestehen, dass ich damals kein Wissen von Uhren hatte. Deshalb betrachtete ich den ersten Job als echte Chance. Denn die Kreativität ist frei und unbefangen. Es gibt keine Beeinflussung durch irgendein Uhrwerk.

Wie haben Sie sich dem Thema Uhren genähert?
Womöglich habe ich die Uhrenwelt nicht durch die gleiche Tür betreten, wie andere Designer. Meine primäre Leidenschaft besteht nicht in der Zeitmessung und der damit verknüpften Technik. Mir geht es vordergründig um den Auftritt einer Uhr.
Aber während der zehn Jahre bei Cartier habe ich mich wirklich in Uhren verliebt. Und das ist vielleicht der Grund, warum mich Chanel im Jahr 2013 kontaktierte.

Ihre Reaktion?
Damals gab es wirklich nur eine Marke, für die ich Cartier den Rücken gekehrt hätte. Und das war genau Chanel. Im Mai 2013 wurde mein Traum dann auch wirklich wahr. Gerade weil ich die J12 als Revolution betrachtet hatte, weil diese Armbanduhr eine echte Ikone ist, betrachtete ich den Wechsel als riesige Herausforderung für mich.

Wann begannen Sie, sich mit der neuen J12 zu beschäftigen?
Das ist nun vier Jahre her. Das Original-Design von Jacques Helleu wollte ich nach meiner Ankunft unter keinen Umständen anrühren. Bevor ich daran ging, musste ich es auch erst einmal sehr viel besser verstehen. Das soll aber nicht bedeuten, dass ich die J12 ganz außer Acht ließ. Zunächst entwickelte ich limitierte Editionen wie zum Beispiel die Mademoiselle J12. Oder eine Version mit nur 19 Millimetern Durchmesser. Auf diese Weise näherte ich mich der J12 an. Und zwar im Bewusstsein, dass ich mich in meiner Funktion bei Chanel eines Tages beinahe zwangsläufig mit dem ursprünglichen Design würde beschäftigen müssen.

Da gibt es sicher mehrere Herangehensweisen
Vor vier Jahren besaß ich nach meinem Dafürhalten zwei Optionen. Die erste bestand darin, wirklich alles zu verändern. Und wenn man für eine Marke wie Chanel arbeitet, hat man definitiv die Möglichkeit, alles zu verändern. Gehäuse, Zifferblatt und auch das Band. Die zweite Möglichkeit bestand in behutsamen Modifikationen. Die Animation des Bestehenden in Gestalt einer Ikone ist in meinen Augen weitaus schwieriger. Es ist eine sehr komplexe Übung. Für einen Designer ist es weitaus leichter, mit Stift und weißem Papier bei Null zu starten, als sich ein derartiges Produkt vorzunehmen.

Was haben Sie getan?
Anfangs versuchte ich, alles zu ändern. Das musste und wollte ich tun. Aber ich begriff auch sehr schnell, dass Revolutionen eben nur einmal stattfinden. Und ich habe diese Revolution nicht ausgelöst. Das war Jacques Helleu im Jahr 2000. Mir wurde klar, dass mein Job in einer Evolution der Revolution bestehen würde. Also beschloss ich alles zu verändern ohne etwas wirklich zu verändern. Das klingt total paradox, ist jedoch die Wahrheit. Fortan war ich förmlich besessen davon.

Ist es mit Blick in die lange Geschichte überhaupt noch möglich, als Designer etwas vollkommen Neues zu gestalten. Etwas noch nie Dagewesenes? Und ergibt so etwas einen Sinn?
Ich denke ja. Mit der Code Coco von Chanel habe ich es bewiesen. Ein kreatives, aber total andersartiges Produkt. Chanel wollte es in punkto Juwelierskunst auf höchstem Level. Das Projekt war in gewisser Weise gefährlich. Aber bei Chanel besitzen wir diese Freiheitsgrade. Und ich würde sagen, die Code Coco ist gelungen. Denken wir zurück an Jacques Helleu. Als er zu Beginn des 21. Jahrhunderts die J12 erschuf, brach er ebenfalls mit vielen Regeln. Eine Damenuhr wie diese hatte es bis dahin nicht gegeben. Größer, markanter als gehabt. Aber insgeheim begehrten Frauen längst schon größere Armbanduhren. In Italien trugen sie auch mal eine große Panerai. Das jedoch war doch eher eine Nische. Abgesehen von der Farbe und dem Material brach die J12 auch mit dem, was man 2000 unter einer femininen Armbanduhr verstand. Und die Code Coco wiederum war genau das Gegenteil von dem, was die J12 einst getan hatte.

Heutzutage sind Chanel und J12 auf dem Gebiet der Uhren doch fast so etwas wie Synonyme
Das ist definitiv richtig. Aber erst heutzutage. Es war nicht immer so.

Die Evolution der vielen Details

Kommen wir zurück zum neuen Auftritt der J12
Gerne. Ich bin an das knifflige Projekt eher wie ein Chirurg als wie ein Designer herangegangen, wie sich in vielen Details des Zifferblatts und des Gehäuses zeigt. Die Identität der J12 ist absolut erhalten geblieben. Man erkennt sie sofort wieder, aber in gewisser Weise ist sie doch anders, man könnte auch sagen neu geworden.

Was hat Sie zu einem derart außergewöhnlichen Design des Aufzugsrotors bewogen?
Als ich das Uhrwerk erstmals sah, war mit klar, dass ich nichts Klassisches wollte. Nicolas Beau erklärte mir, dass es sich um ein industrielles Uhrwerk handele. Das sei nicht ganz vergleichbar mit einem Manufakturkaliber.

Was sagten Sie darauf?
Gleichwohl wollte ich etwas anderes, eine wirkliche Signatur. Das Uhrwerk muss auch ohne Gehäuse sofort als eines von Chanel identifizierbar sein, als Kaliber Chanel 12.1.

Auch beim Gehäuse hat sich viel getan
Das war der weitaus wichtigere Teil der Übung. Wir wollten die Ergonomie des Gehäuses trotz des um einen Millimeter dickeren Uhrwerks unbedingt beibehalten. Das war der Grund, warum ich mich für ein Monobloc-Gehäuse aus Keramik entschieden habe. Außerdem war es wichtig, das neue Uhrwerk mit dem außergewöhnlich gestalteten Rotor durch einen Sichtboden zu zeigen. Als wir den Rotor aus Wolfram gestalteten, dachten wir sofort auch an die Möglichkeit, ihn für Schmuckuhren mit Diamanten auszufassen. Nur konnte ich den Schöpfer der Uhr selbst nicht mehr um Rat fragen, da er leider 2007 starb, bevor ich zu Chanel kam.
Der Designprozess bestand jedenfalls in einem ständigen Vor und Zurück, indem fast jede Änderung, die ich vornahm, den Charakter der Uhr zu stark veränderte und deshalb wieder abgeschwächt werden musste.

Was denn nun neu sei an der neuen J12?
Wir haben etwa 70 Prozent dessen, was man sieht, neu gestaltet, doch die Veränderungen sind so subtil, dass sie erst auffallen, wenn man die ursprüngliche und die neue J12 nebeneinanderhält.

Was zur Chanel J12 noch zu wissen wäre

Die Uhr, die einst als Männermodell gedacht war, avancierte zu einem der beliebtesten Damenmodelle auf dem Markt und gab dem Trend zu relativ großen Uhren für Frauen weiter Aufschwung. Ihr Design basierte auf demjenigen einer typischen Sportuhr mit großer geriffelter Drehlünette. Wie viele andere Taucheruhren auch war sie mit einem Flankenschutz ausgestattet, der das Gehäuse links und rechts der Krone verbreiterte.

Jacques Helleu investierte viel Arbeit in die Gestaltung der Details wie etwa in die Typografie der Ziffern, die Beschriftung, die Form der Zeiger sowie die Ausgewogenheit der Proportionen. Letztlich waren es jedoch vor allem Material und Farbgebung, die den Unterschied zu konventionelle Uhren ausmachten. Obwohl es bereits Uhren aus Keramik am Markt gab, hat keine andere Uhr dem extrem harten Material einen solchen Aufschwung verliehen wie die Chanel J12, deren Gliederarmband ebenfalls aus dem schwarzen Material bestand. Seither ist das Modell in diversen Varianten erschienen. Das Ursprungsmodell wurde jedoch nie angetastet und ist bis heute im Handel, wo sie ab diesem Jahr durch den ersten direkten Nachfolger allmählich abgelöst werden soll.

Wo liegen die Unterschiede und wie sichtbar sind sie?

Wer nun die ganz neue J12 neben das ursprüngliche Modell legt, muss die Unterschiede tatsächlich gezielt suchen. Außer, man dreht die Uhr um. Während die erste J12 mit einem Stahlboden verschlossen ist, zeigt das neue Modell ihr Automatikwerk durch einen Saphirglasboden. Das Werk stammt vom Werkhersteller Kenissi, einem Tochterunternehmen der Rolex-Gruppe, das auch die Marke Tudor beliefert. An diesem ist auch Chanel beteiligt.
Da das neue Werk etwas dicker ist als das bisherige, musste das Gehäuse angepasst werden, ohne die Uhr dicker erscheinen zu lassen. Die Lösung besteht in einer Wölbung des Bodens, die dem Werk genügend Platz bietet. Gleichzeitig sind die Flanken des Gehäuses leicht gerundet. Auch die Krone blieb nicht unverändert; sie ragt nun weniger weit aus dem Gehäuse heraus und trägt einen weniger gewölbten Cabochon aus Keramik.
Sämtliche Beschriftungen des Zifferblatts und die erhabenen Ziffern, die vorher aus Kunststoff gefertigt waren, bestehen neu aus Keramik.

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