Uhrenkosmos im Gespräch
CEO Piero Braga über die neuen Gucci Uhren und seine Strategie für die Zukunft

Seit 2016 leitet Piero Braga als Präsident und CEO die Firma Gucci Timepieces. Uhrenkosmos Gründer Gisbert L. Brunner sprach mit dem renommierten Manager über die neue „Grip“-Uhr, die Gucci Uhrenkollektion und seine Visionen für die Marke

CEO Piero Braga über die neuen Gucci Uhren und seine Strategie für die Zukunft

Piero Braga, CEO Gucci Timepieces, und Gucci Grip

Gisbert L. Brunner: Sie tragen eine außergewöhnliche Armbanduhr. Vorgestellt während der Baselworld 2019. Anfang Oktober kommt sie endlich auf den Markt. Wie war die Resonanz bei Ihren Vertriebspartnern?

Die Vorbestellungen für unsere „Grip“ waren ausgesprochen gut. Sie haben uns sehr überrascht, denn wir haben es ja mit einer eher konservativ denkenden Branche zu tun. Hier meine ich sowohl die Groß- wie auch die Facheinzelhändler. Bedenken stören uns in diesem Fall aber nicht. Dann ist dieses Produkt eben nichts für sie.

Wer vieles bietet wird manchem etwas bieten …

… genau, man kann nicht jeden Geschmack treffen und auf einen Topf passt halt nicht jeder Deckel. Wir werden mit diesen Armbanduhren nicht jeden erreichen. Aber das ist von uns eben auch gar nicht beabsichtigt.

Wer wird diese Uhren, denen ein deutlicher Retro-Touch zu Eigen ist, vermutlich kaufen?

Ein gewisser Retro-Charakter ist bei dieser Armbanduhr sicher vorhanden. Für unsere Klientel ist die Grip weniger eine Uhr als ein Objekt. Und das betrachtet sie mit einer gewissen Neugier. Ich trage ein Exemplar ununterbrochen seit der Baselworld. Wie auch andere, die eines der wenigen Exemplare benutzen, werde ich immer wieder gefragt, was das denn sei.

Für unsere Klientel ist die Grip weniger eine Uhr als ein Objekt.

Piero Braga

Präsident und CEO, Gucci Timepieces

Inspiriert von den 1920-er oder 1930-er Jahren

Vielleicht ein wenig, aber wir haben uns beim Design der Grip eigentlich von Casio-Modellen aus den 1970-er Jahren leiten lassen. Diese Uhr erinnert in der Tat an eine Springende Stunde, aber unsere Designer besaßen gar kein derartiges Modell. Ihnen stand eine Plastik-Casio zu Verfügung. Und daraus leitete sich die Kissenform des Gehäuses ab.

Haben Sie eher Männer oder Frauen im Visier?

Die Grip ist geschlechtslos. Sie kann von Frauen und Männern gleichermaßen getragen werden. Nicht zuletzt auch wegen der verschiedenen von uns angebotenen Dimensionen passt sie an jedes Handgelenk.

Die Gucci „Grip“ gibt es in unterschiedlichen Größen

Wohin werden Sie diese Uhren zuerst liefern? Eigene Boutiquen oder unabhängige Fachhändler?

Mit Blick auf unsere Gucci-Welt und die verschiedenen Vertriebskanäle werden unsere Boutiquen eine gewisse Priorität genießen. Aber es handelt sich um einige Tage oder allenfalls ganz wenige Wochen, möchte ich betonen. Bedingt durch unsere hausinterne Logistik bestellen die Boutiquen ihre Pakete zeitlich schon sehr lange voraus. Und diese Orders müssen wir zeitgerecht abarbeiten.

Wen man sich die Geschichte der Gucci-Uhren retrospektiv betrachtet, gab es doch einige Wechsel. Ich denke an Severin Wunderman. Dann hat Gucci die Geschicke selbst in die Hand genommen und Michele Sofisti an die Spitze gesetzt. Nun bestimmen Sie die Geschicke. Zurückblickend erkenne ich ein gewisses auf und ab und auf. Gibt es in Ihren Augen eine Linie?

Ja, Sie haben Recht. Gucci-Uhren blicken auf eine beinahe 50-jährige Geschichte zurück. In der Uhrenszene waren unsere Produkte immer etwas seltsame, eher non konforme Objekte. Im Vergleich mit unserer Mode und den sonstigen Accessoires sollten die Gucci-Uhren durch Modelle in der Einstiegspreislage für Kundenfrequenz sorgen. Das kann und darf man nie verleugnen. Das lässt sich auch nicht von heute auf morgen ändern. Hier müssen wir den eingeschlagenen Weg zunächst einmal weitergehen.

Aber mit Blick in die Zukunft können Sie ja auch nicht tatenlos bleiben.

Natürlich nicht. Als erstes werden wir die Optik unserer Uhren auf die Ästhetik der Marke Gucci abzustimmen. Hier hebe ich mich ab von einigen meiner Vorgänger, die den Fokus vielleicht zu sehr auf ein traditionelles Aussehen der Uhren gelenkt haben. Sie betrachteten Gucci in erster Linie als Uhrenhersteller. Und damit lagen sie in meinen Augen nicht ganz richtig, denn es gibt so viele spezialisierte und durchaus bewundernswerte Uhrenfabrikanten auf dieser Welt.

Wo also sehen Sie Gucci?

Unsere Daseinsberechtigung orientiert sich an den gestalterischen Werten der Marke Gucci und jener Botschaft, welche wir im Jahr 1972 erstmals aussandten. Vielleicht auch schon davor als eine der ersten Modemarken, welche die Welt der Zeitmessung betrat. Jedes neu am Markt lancierte Produkt muss fortan eine starke Bindung zum Gucci-Narrativ vorweisen. Sonst bietet es doch keinen Mehrwert gegenüber Uhren ohne diese großartige italienische Signatur. Dann könnten wir vielleicht von einem Lizenzprodukt sprechen, das wir aber gar nicht mögen. 

Gegenüber unseren Kunden wollen wir wirklich authentisch auftreten. Wenn man eine Gucci-Uhr erwirbt, geschieht es, weil man die Marke schätzt und kauft. Die wiederum zeichnet sich traditionsgemäß unter anderem durch ein Höchstmaß an Kreativität aus. In diesem Sinne haben wir während der zurückliegenden drei Jahre gearbeitet.

Ihr Markenname verknüpft sich mit Status…

… absolutem High-End-Status. Weil wir unsere Herkunft als Frequenzerzeuger nicht vergessen dürfen, unterbreiten wir unseren Kunden zum einen gute Angebote für weniger als 1.000 Euro. Daneben errichten wir neue Säulen in Gestalt der Grip. Hier reicht das Preisspektrum bis etwa 1.600 Euro.

Was recht viel Geld ist für Armbanduhr mit Quarzwerk …

… stimmt, aber mache unserer Mitbewerber aus dem Modesektor bieten Quarzuhren zu deutlich höheren Preisen an. Was wir jedoch wir nicht machen, denn es wäre nicht authentisch. Aus diesem Grund errichten wir neben der Einstiegspreislage besagte neue Säulen. Und die gestatten uns leicht höhere Preissegmente.

Kommen wir zum Punkt zwei Ihrer Strategie

Der besteht in Automatik-Armbanduhren zu vernünftigen Preisen im moderaten Segment. Auf diesem Gebiet müssen wir aber erst noch die nötige Glaubwürdigkeit erwerben.

Gucci G-Timeless Automatic, Edelstahl, Referenz YA126283

Kaliber Sellita SW200-2 in der Gucci G-Timeless Automatic

Welche Preisspanne streben Sie hier an?

Zwischen 1.500 und 2.200 Euro. Wir wissen, dass das kein leichtes Spiel sein wird, aber wir wollen etwas frischen Wind in die Szene bringen.

Was ist mit Schmuckuhren?

Darauf wollte ich als Drittes zu sprechen kommen. Auf dem Gebiet der Juwelierskunst kann Gucci ja auch Kompetenz vorweisen. Daher denke ich an sehr limitierte Auflagen oder auch Einzelstücke hochwertiger Schmuckuhren.

Wie steht es um uhrmacherische Komplikationen?

Solche und das Thema Haute Horlogerie sehe ich während der kommenden fünf Jahre noch nicht. Wir respektieren unsere Herkunft, sind aber bereit, die Dinge Schritt für Schritt weiter zu entwickeln.

Ein Ausblick auf die Gucci Uhren-Kollektion in 2020: Die Gucci Grip Roulette

Vorausschau ins Jahr 2020: Gucci Grip Roulette

Auf dem Sektor der hochrangigen Uhrmacherei haben Sie ja Schwestern wie Girard-Perregaux oder Ulysse Nardin. Sehen Sie da Synergieeffekte?

Ja, es könnten sich in der Zukunft durchaus gewisse Synergien ergeben. Ateliers und Möglichkeiten bestehen. Wir dürfen den zweiten Schritt jedoch nicht vor dem ersten tun. Momentan haben wir alle Hände voll zu tun, die zuvor geschilderten Pläne zu realisieren. Aber ich bin mir sicher, dass sich irgendwann Kooperationen ergeben beispielsweise durch die Lieferung von Uhrwerken. Ich möchte aber betonen, dass gegenwärtig absolut nichts besprochen und geplant wurde. Aber warum auch nicht, denn wir sind ja eine Familie.

Momentan wir viel über Smartwatches geredet. Was denken Sie in Bezug auf Gucci darüber?

Für manche Gucci-Kunden könnten solche durchaus interessant sein. Aber heute kann man aus einer Smartwatch keine Vorteile mehr schöpfen. Die erste Welle ist durch. Und sehr viele surften darauf. Wir stehen nicht unter Druck. Die Technologien entwickeln sich superschnell weiter. Speziell auf dem Gebiet der Displays usw. Ich stimme zu, dass so etwas zur Gucci-DNA passen könnte. Aber unsere Kreativen wollen kein me-too-Produkt in einen schon reich besetzten Markt pumpen. Wir brauchen keine Smartwatch beispielweise mit einer Ansicht von Florenz auf dem Display. So etwas würde schwerlich erfolgreich sein. Andererseits behalten wir das Thema natürlich im Auge. Und wenn wir eine smarte Idee haben, werden wir uns an die Umsetzung machen. Aber im Moment haben wir wie gesagt viele andere Dinge zu tun.

Wie sehen Sie das Thema ganz persönlich? Haben Smartwatches Zukunft?

Grundsätzlich glaube ich an die Zukunft von Smartwatches. Was passiert, hängt zu einem großen Teil davon ab, wie wir Uhrenproduzenten damit ganz generell umgehen. Diese Industrie benötigt von Zeit zu Zeit disruptive Impulse. Solche gibt es, seitdem die Japaner die Szene in den siebziger Jahren mit ihren Quarzuhren aufgemischt haben. Heute mangelt es an Innovation, herrscht eine gewisse Statik. Und die führt zu Konzentrationsprozessen. Diese Entwicklung birgt Gefahren für die Industrie. Wenn Sie genau hinsehen, entdecken Sie sagen wir fünf Marken, die bis zu drei sehr erfolgreiche Modelle besitzen. Der Rest ist doch eher marginal. Was auch damit zusammenhängt, dass mehr und mehr Kunden ihre Armbanduhr weniger als Trageobjekt sehen, sondern als eine Art Investment. Experimentierfreude und Emotionen treten dahinter zurück. Das ist für mich bedauerlich.

Diese Industrie benötigt von Zeit zu Zeit disruptive Impulse. Solche gibt es, seitdem die Japaner die Szene in den siebziger Jahren mit ihren Quarzuhren aufgemischt haben.

Piero Braga

Präsident und CEO, Gucci Timepieces

Kommen wir zurück zu Gucci. Sie kooperieren mit den besten Designern zusammen. Könnten Sie sich spezielle Armbanduhren vorstellen, die von Top-Designern für Mode oder Lederwaren entworfen werden?

Das haben wir doch schon. Unsere Kreativabteilung ist nicht in Neuchâtel zu Hause, wo unsere Produktentwickler arbeiten, sondern in Rom. Ich sagte ja schon, dass wir ganzheitlich denken und Authentizität groß schreiben. Daher gehen alle kreativen Prozesse in Rom über die Bühne. Auf diese Weise lässt sich jede Produktkategorie auf die anderen abstimmen. Wenn es zum Beispiel Mickey Mouse-Ideen für T-Shirts gibt, entstehen unter einem Dach eben kreative Konzepte für alle Produktkategorien. Wir haben keine Designer, die an einem Tag Handtaschen und am nächsten Schuhe und dann Uhren gestalten. Gucci unterhält ein Büro für alles. Die dort Tätigen inspirieren sich gegenseitig. Ideen fließen. Das macht die Gucci-Philosophie aus.  

Spiegelt die Gucci-Philosophie wider: G-Timeless Automtic mit der Gucci-Biene am Zifferblatt

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