Chrono Sapiens – die Herren der Zeit
Im Gespräch mit Francois-Henry Bennahmias, CEO Audemars Piguet: „Der Individualismus ist vorbei“

Die Schweizer Manufaktur ist trotz allgemeiner Marktkrise erfolgreich wie nie. Wie der Chef von Audemars Piguet das schafft, welche überraschenden Pläne er aus der Schublade zieht und ob wir uns auf eine neue Uhrenlinie freuen dürfen, verrät er im exklusiven Interview

Im Gespräch mit Francois-Henry Bennahmias, CEO Audemars Piguet: „Der Individualismus ist vorbei“

Chrono Sapiens - die Herren der Zeit

Warum startet diese einzigartige Ausstellung über die Geschichte, die Produkte und die Handwerkskunst von Audemars Piguet ausgerechnet in China, konkret Schanghai, und nicht irgendwo in Europa?

Das letzte Mal, als wir etwas in China gemacht haben, feierten wir das 40. Jubiläum unserer Royal Oak, das war also 2012. Seitdem haben wir zwar einige Events gehabt, aber nicht auf diesem hohen Niveau. Wir wollen die Wahrnehmung und Bekanntheit der Marke in China steigern. Und entgegen aller Trends, das heißt Rückgang der Uhrenverkäufe, wollen wir genau das Gegenteil erreichen. Und da ist in unseren Augen eine große Ausstellung genau das Richtige. In China kennt man uns nicht wirklich. Wir wurden nie als chinesische Marke wahrgenommen. Hinzu kommt, dass die Chinesen klassisch runde Armbanduhren bevorzugen. Die ansonsten so erfolgreiche Royal Oak besaß in China bis zu unserer Ausstellung in 2012 keine wirkliche Bedeutung. Nun aber wollen wir klarmachen, dass Audemars Piguet weit mehr ist als die Royal Oak. Wir wollen umfassend über die unterschiedlichen Werte unserer Manufaktur informieren.

Die Ausstellung hat zwölf verschiedene Räume. Was wollen Sie den Menschen zeigen und erklären?

Wir wollen zum Ausdruck bringen, wer Audemars Piguet ist. Was steckt hinter der Marke? Ist sie authentisch, ja oder nein?

Audemars Piguet ist die einzige traditionsreiche Luxusmarke, die sich noch mehrheitlich im Eigentum der Gründerfamilien befindet. Ein Vorteil heutzutage in einer Uhrenwelt, die von Konzernen dominiert wird?

Unsere Unabhängigkeit ist ein riesiger Vorteil. Wir müssen nicht vierteljährlich Berichte vorlegen. Wir können Veränderungen schneller vornehmen als große Gruppen, können rascher und flexibler auf das Marktgeschehen reagieren. Große Gruppen müssen gegenüber den Aktionären Wachstum vorweisen. Oder der Kurs geht zurück. Das müssen wir nicht. Daher sind wir deutlich freier.

Die produzieren jährlich 40.000 Uhren und wollen diese Zahl, wenn ich Sie richtig verstanden habe, während der kommenden fünf Jahre nicht steigern.

Mindestens fünf Jahre. Dadurch wollen wir noch bessere Qualität erreichen und noch innovativer werden. Wir wollen die Lieferzeiten so reduzieren. Wenn wir diese 40.000 Uhren optimieren wollen, gibt es keinen Grund, 41.000 Uhren herzustellen. Unsere Kunden, ich meine die Endverbraucher schätzen das sehr.

Sie brachten 2016 eine Royal Oak mit skelettiertem Uhrwerk und zwei Unruhn auf den Markt. Wurde die Innovation vom Markt angenommen?

Der Erfolg hat alle unsere Erwartungen übertroffen. Und sie erzielt am Markt 20 bis 30 Prozent mehr als der offizielle Publikumspreis. Das können Sie im Internet sehr gut verfolgen. Wenn Sie gleich eine wollen, müssen Sie einen Aufpreis bezahlen.

Wie kam es zu diesem Erfolgsmodell?

Das lief ganz organisch ab. Weder ich noch unsere Produktplaner haben unsere Entwicklungsabteilung nach so etwas gefragt. Unsere Uhrmacher haben aus eigener Initiative während sechs Monaten dieses Uhrwerk entwickelt und es dem Management präsentiert. Sie haben mich gefragt, ob mir das gefällt.

Was haben Sie geantwortet?

Klar mag ich das, lasst uns so schnell wie möglich mit der Produktion beginnen.

Der Preis hätte locker einige tausend Euro höher ausfallen können.

Durchaus. Und wir hätten die Uhr trotzdem gut verkauft. Aber der Preis ist fair kalkuliert und gut. Auch daher rührt der Erfolg.

Heutzutage können Sie sich eher glücklich schätzen, in China nicht übermäßig stark gewesen zu sein. Dadurch waren Sie vom derzeit viel beklagten Umsatzrückgang nicht so sehr betroffen.

Bitte vergessen Sie nicht, dass viele Chinesen ihre Uhren in Hongkong gekauft haben und die Einbruch dort besonders gravierend ausgefallen sind. Unsere Zahlen dort sind bemerkenswert stabil geblieben. Wir haben in Hongkong keine Marktanteile verloren. Wir gewinnen derzeit nichts dazu, aber verzeichnen bislang auch keine Umsatzrückgänge.

Wie viele eigene Boutiquen unterhält Audemars Piguet in China?

Zwei, eine in Peking und eine in Schanghai, die wir selbst betreiben.

Und in Honkong?

Eine in eigener Regie und vier von Partnern betriebene. Unser Ziel ist es, von 25 Verkaufspunkten, die wir vor fünf Jahren noch in Hongkong hatten, auf acht zurückzufahren.

Wollen Sie so Graumarktaktivitäten einschränken?

Ja und nein. Der Graumarkt funktioniert über die Marge. Aber heute spielen Währungsgefälle in Geschäft eine wesentlich größere Rolle. Der günstigste Markt heute ist das Vereinigte Königreich durch den Verfall des Britischen Pfunds der billigste Markt auf der Erde. Die Geschäfte dort laufen blendend, weil die Uhren dort deutlich günstiger sind.

Reisen die Leute nur, um dort Uhren und vielleicht andere Luxusgüter einzukaufen?

Ja, absolut. Also der Japanische Yen vor zwei Jahren so niedrig war, passierte das Gleiche.

Apropos: Japan ist für Audemars Piguet traditionell ein starker Markt, wenn ich mich nicht täusche.

Japan ist ein gebildeter Markt für hochwertige Uhren. Die Menschen dort wissen sehr viel über Uhrmacherei. Es ist unser viertwichtigster Markt heutzutage. Und er wächst von Tag zu Tag.

Das war in den vergangenen Jahren ja nicht immer so. In Japan waren wegen der ökonomischen Situation ja auch starke Rückgänge zu verzeichnen.

Über Jahre hinweg spielte Japan eine weniger wichtige Rolle. Aber jetzt ist das Land zurück. Ein extrem bedeutender Markt für die Schweizer Uhrenindustrie.

Wie ist die Reihenfolge ihrer Märkte?

Nummer eins sind die USA, dann kommt Hongkong. Auf Platz drei findet man die Schweiz. Dann kommt Japan, wie gesagt.

Und Deutschland?

Ist die Nummer neun.

Warum so abgeschlagen?

Deutschland könnte und sollte besser für uns laufen. Deutschland ist nicht nur für uns sondern für alle Marken ein strategischer Markt und wir machen uns gerade Gedanken, wie wir hier besser werden können. Es wird noch ungefähr zwei Jahre dauern, bis wir genau wissen, wie es weitergehen wird.

Unangefochtene Nummer eins bei Audemars Piguet ist die Royal Oak. Anteil am Umsatz schätzungsweise 75 Prozent. Macht eigentlich die klassische Ausführung gegenüber der Offshore wieder an Boden gut?

Ja. Vor fünf Jahren hatte die Offshore die Nase vorn. Inzwischen ist es wieder umgekehrt.

Wie kam es?

Seit dem 40. Jubiläum der Royal Oak hat die klassische Version wieder Fahrt aufgenommen.

Was geschieht, um der klassischen Ausführung Flügel zu verleihen?

Wir sehen dem 50. Geburtstag entgegen. Und da ist einiges zu erwarten.

Es fehlt ein eigenes Chronographenwerk. Die Royal Oak beseelt das Kaliber 1185 von Frédéric Piguet.

Wir arbeiten an unserem integrierten Kaliber. Spätestens 2018 ist es am Markt. Das Werk ist so gut wie fertig. Es gibt Uhren damit zu Testzwecken. Es arbeitet perfekt. Aber nun müssen wir von wenigen Exemplaren auf tausende hochfahren.

Wir reden von Selbstaufzug und Schaltradsteuerung, nehme ich an.

Selbstverständlich. Da ist alles drin. Wir müssen nur noch das Startsignal erteilen und dann läuft die Produktion an. Darf ich bei dieser Gelegenheit erwähnen, dass auch ein neues Automatikwerk in der Pipeline steckt, das unser 3120 ersetzen wird.

Das ist gut zu hören, denn anfänglich bereitete das 3120 doch einige Probleme.

Wir haben hat gearbeitet und das 3120 an etlichen Stellen stark verbessert.

Reden wir bei dem neuen Automatikwerk auch von 2018?

Genau.

Der Anteil an Damenuhren beträgt bei AP in meinen Augen gegenwärtig rund 30 Prozent. Welche Entwicklungen kann das zarte Geschlecht erwarten.

Am 9. November stellen wir in Florenz eine neue Damenuhr vor. Thema ist der Umgang mit Gold. Wir wollen den Anteil der Damenuhren steigern. Wenn wir eines Tages 60 Prozent Herren und 40 Prozent Damen erreichen, schätzen wir uns glücklich. Aber bitte immer bedenken: Wir fertigen 40.000 Uhren im Jahr, mehr nicht. Es verschieben sich dann nur die Relationen, nicht die Stückzahlen nach oben.

Arbeitet Audemars Piguet eigentlich daran, neben der mächtigen Royal Oak eine zweite tragende Säule zu errichten?

Aber klar. Es wird eine neue klassische Uhrenlinie geben. Schlicht, aber auch mit Komplikationen. In erster Linie ans männliche Geschlecht adressiert.

Audemars Piguet war ja bekannt dafür, auf den fünf Kontinenten jeweils unterschiedliche Modelle oder spezifische Variationen anzubieten.

Das war unser größter Fehler. Bevor ich an Bord kam, fertigten wir sogar spezifische Ländermodelle. Dadurch wurde unsere Modellpolitik total verwässert. Heute bedient sich jeder Markt in gleicher Weise aus unserem Angebot. Der Individualismus ist vorbei. Es gibt eine einzige Marke. Keine unterschiedlichen AP-Modelle für China, für Honkong, für Deutschland, für die USA …

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  1. Diese zwei Royal Oaks setzen Ausrufezeichen | Uhrenkosmos - […] verfügt über aufgesetzte Leuchtindexe und weißgoldene Leuchtzeiger. Gemäß der von CEO François Bennahmias ausgerufenen Luxus-Philosophie und Vertriebsstrategie, wird es…

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