Uhrenmessen
Baselworld, SIHH, Watches & Wonders und Inhorgenta im Wandel der Zeit

Die erste Dubai Watch Week der LVMH-Marken Bulgari, Hublot, TAG Heuer und Zenith ist vorbei. Nun steht die Münchner Inhorgenta als reine Fachhandelsmesse vor der Tür. Ende April geht in Genf der in Watches & Wonders umgetaufte SIHH über die Bühne. Und die Baselworld schließt sich unmittelbar an. Zeit für Gedanken zu einer Branche im Umbruch.

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So schön auch der Auftritt der Uhrenmessen im Jahr 2020 sein wird, so groß sind auch die Herausforderungen, die auf die Messen, Aussteller wie Besucher warten.

Turbulente Zeiten

Alten Hasen ist 2003 noch als das SARS-Jahr bekannt. Damals grassierte u.a. in China die tückische Epidemie, welche sich massiv auf das Schweizer Messengeschehen auswirkte. Einreisebeschränkungen und „Kontaktverbote“ an manchen Ständen führten zu heftigen Diskussionen. Und das Bestreben der Basler Messegesellschaft, fernöstliche Aussteller nach Zürich zu verlagern, erfuhr nicht zuletzt wegen des diskriminierenden Aspekts einen mächtigen Dämpfer. Anfang 2019 spricht alle Welt über das ähnlich gelagerte Coronavirus. Welchen Einfluss es auf die beiden internationalen Ereignisse in der Schweiz zeitigen wird, bleibt vorerst abzuwarten. Vielleicht ist der Spuk in knapp drei Monaten vorbei und vergessen. Wenn nicht, droht angesichts der gegenwärtigen Reisebeschränkungen definitiv Ungemach.  

FHS Exportstatistik Januar Dezember 2019

Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie (FHS) – Eidgenössische Uhrenexporte Januar bis Dezember 2019

Schließlich gehört China nach Hongkong und den USA, welche 2019 Erzeugnisse im Wert von 2,41 Milliarden Franken einführten, zu den wichtigsten Märkten der europäischen Luxusuhrenindustrie. Von Januar bis Dezember 2019 importierte Festland-China Ware für 1,994 Milliarden Schweizerfranken. Gegenüber dem Vorjahr war das ein Plus von 16,1 Prozent. Produkte im Wert von 2,659 Milliarden Franken flossen nach Hongkong. Wegen der virulenten politischen Situation verzeichnete die britische Kronkolonie als weltweit wichtigster Abnehmer Schweizer Uhren jedoch ein Minus von 11,4 Prozent. Sicher ist jedoch, dass die Schließung ganzer Städte, die Einstellung von Flügen von und nach China sowie die keineswegs freiwillige Abschottung des Riesenreichs vom Rest der Welt das Geschäft mit der luxuriös gemessenen Zeit massiv beeinflussen werden. 

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Provisionen für Reiseleiter: nicht für Uhren von Patek Philippe

Das Ausbleiben von Touristen dürfte die Verkäufe definitiv drücken. Auch wenn mehr und mehr Fachhändler wieder stärker auf heimische Kundschaft setzen. Und mit dieser Strategie auch erfolgreich sind.

Patek Philippe hat die vom Fachhandel über Jahrehinweg praktizierte Auslobung von Provisionen an chinesische Reiseleiter bereits strikt untersagt. Und Rolex gab seinen Konzessionären eine ähnlich gelagerte Empfehlung.

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Die Dubai Watch Week und ihre Folgen

Wie sich die eingangs erwähnte LVMH Dubai Watch Week auf die Baselworld auswirkt, wird sich erst nach gründlicher Auswertung der Resultate zeigen. Aber Bulgari-CEO Jean-Christophe Babin tat seine Meinung während der Eröffnungsansprache in Dubai schon einmal unverhohlen kund:

Die traditionellen Messen sind außerordentlich teuer und ihre diesjährigen Termine sind verrückt für unsere Kunden, den Fachhandel sowie die Presse.

Jean-Christophe Babin

CEO, Bulgari

Folglich konnten aufmerksame Zuhörer sozusagen zwischen den Zeilen vernehmen, dass die von ihm geleitete Marke 2020 wahrscheinlich der Baselworld fernbleiben wird. In der jetzigen Ausprägung, so Babin, passe die Messe nämlich nicht mehr zum digitalen Zeitalter.

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Stéphane Bianchi leitet in Nachfolge von Jean-Claude Biver die LVMH Uhrendivision mit den Marken Hublot, TAG Heuer und Zenith

Noch nicht absehen lässt sich derzeit, ob die von Stéphane Bianchi als Nachfolger des Titanen Jean-Claude Biver gelenkte LVMH-Uhrendivision der der Stadt am Rhein erhalten bleibt. Von Gruppenzwang ist keine Rede. Sollte sich die ebenfalls von Bianchi geleitete TAG Heuer SA auch 2021 für Basel entscheiden, hat das nicht zwangsläufig Einflüsse auf Hublot und Zenith.   

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Hublot CEO Ricardo Guadalupe zeigte in Dubai die neue “Big Bang Integral

Damit es spannend bleibt, präsentierten Bulgari, Hublot und Zenith in Dubai ohnehin nur rund 50 Prozent ihrer diesjährigen Neuheiten. TAG Heuer beschränkte sich auf eine limitierte „Carrera“, über die der Uhrenkosmos auch schon ausgiebig berichtete. Die neue, ohne Mithilfe von Intel und Google entwickelte „Connected“ Smartwatch wird aus rechtlichen Gründen erst im Laufe des Monats März debütieren. Alle weiteren Neuheiten der nach Umsatz und Stückzahlen größten Uhrenmarke unter dem LVMH-Dach bleiben aus terminlichen Gründen der Baselworld vorbehalten.

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 Basel im Wandel

Der Umbruch ist auf jeden Fall spürbar und nicht aufzuhalten. Erstmals zeigte sich das 2018, als die Swatch Group ihren Exodus erklärte. 2019 blieb die große Fläche im Basler Messegebäude leer. 2020 wird auch der markante Breitling-Stand fehlen. Die vom Finanzinvestor CVC befehligte Traditionsmarke und ihr CEO Georges Kern setzen stattdessen auf Roadshows.

Georges Kern

Lieber Roadshows als Baselworld: Breitling-CEO hat seine Meinung gefasst

Ferner haben sich auch Grand Seiko, Seiko und Casio verabschiedet. Das alles schmerzt natürlich. Summa summarum musste die Baselworld während der vergangenen zehn Jahre den Verlust von rund 1.500 Ausstellern beklagen, was etwa 75 Prozent der ursprünglichen Menge ausmacht. Anfang Mai werden im besten Fall nur noch rund 600 Marken vertreten sein. Sollte der Coronavirus zu einer echten Pandemie führen, dürften es sogar noch weniger werden.

Loris Melikoff Michel Baselworld

CEO Michel Loris-Melikoff muss beweisen, dass er die richtigen Zukunftsrezepte für die Baselworld besitzt.

Wie es in der Ostschweiz weitergeht, wird zu einen davon abhängen, ob die von Messechef Michel Loris-Melikoff angekündigten Innovationen greifen. Diesbezüglich verhalten sich zahlreiche Aussteller derzeit noch abwartend. Andererseits hängt vieles an Rolex, Patek Philippe, Chopard und Tudor.

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Publikumsmagnet an der Baselworld: der Messestand von Rolex

So lange die Zugpferde bei der Stange bleiben, steht die Zukunft der Baselworld wohl nicht in Frage. Die Erosion auch dieser Branchengrößen könnte hingegen den Anfang vom Ende bedeuten.

SIHH 2019 Foyer

Hier ging es 2019 zum SIHH, der 2020 Watches & Wonders heißen wird

Uhren & Wunder

Keineswegs ungeschoren kommt übrigens auch der vom Richemont-Konzern und seinen Marken wie beispielsweise A. Lange & Söhne, Cartier, IWC, Jaeger-LeCoultre, Montblanc, Panerai und Vacheron Constantin dominierte Genfer Uhrensalon davon. Audemars Piguet und Richard Mille sind nicht mehr dabei. Ob der Wechsel von H. Moser & Cie. und MB & F ins Reich der großen Marken diese Lücke füllen kann, muss sich freilich erst noch erweisen.

Stand A. Lange Söhne SIHH 2019

Blick auf die Uhr – der Messestand von A. Lange & Söhne beim SIHH 2019

Angesichts des immensen Aufwands für internationale Kunden und Pressevertreter, zwei Mal innerhalb recht kurzer Zeit in die Schweiz reisen zu müssen, hatten sich die Messeleitungen 2019 auf eine terminliche Kompromisslösung verständigt. Sie trägt der Tatsache Rechnung, dass der Genfer Autosalon ein unverrückbarer Fels in der Messebrandung ist. Somit findet erst vom 25. bis 29. April der von der Fondation de la Haute Horlogerie (FHH) organisierte und anlässlich der 30. Edition in Watches & Wonders umgetaufte SIHH an der Rhône statt. Mit Unterstützung der Stadt und des Kantons Genf können über Konzessionäre und Presse hinaus auch interessierte Uhrenliebhaber an diesem Ereignis teilhaben. Fünf Tage später, am 30. April öffnet die Publikumsmesse Baselworld 2020 ihre Türen.   

Inhorgenta München 2019 Foyer

Blick ins Foyer der Münchner Inhorgenta 2019

Wirtschaftlicher Nutznießer der durchaus turbulenten Entwicklung ist definitiv die Münchner Inhorgenta. Nach einem Tief kann die Mitte Februar stattfindende Schmuck- und Uhrenmesse wieder steigende Austellerzahlen vermelden. Unter anderem werden Alpina, Dugena, Casio, Frédérique Constant, Garmin, Junghans, Maurice Lacroix, MeisterSinger, Sinn und Staudt ihre Produkte zeigen. Zutritt haben allerdings nur Fachbesucher und Pressevertreter. Der Uhrenkosmos wird berichten.  

Maurice Lacroix Masterpiece Embrace MP6068 SS001 430 1 LIFESTYLE 2

Während der Inhorganta 2020 zu sehen: Bei der neuen Maurice Lacroix ” Masterpiece Embrace”, Referenz MP6068-SS001-430-1, drehen zwei Herzen im Minutentakt

Rezension

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Zusammenfassung Die Zukunft der großen Uhrenmessen Baselworld, SIHH künftig Watches&Wonders, Dubai Watchweek und Inhorgenta ist ungewiss. Die Herausforderungen für die Messen, Aussteller wie die Industrie sind groß und die Zukunft birgt Risiken

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Über den Autor

Gisbert L. Brunner

Uhrensammler seit 1964 Journalistische Tätigkeit in Sachen Uhren seit 1981 Autor und Co-Autor von mehr als 30 Büchern über Armbanduhren und namhafte Uhrenmarken

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