Unsere Uhr-Ahnen - (Teil 5/10)
Alles auf Stopp!

Aus den einstigen Luxusgut Uhr wird immer mehr praktischer Alltagsgegenstand. Marine, Militär und der Pferdesport setzen auf die präzise Zeitmessung. Wetten?

Alles auf Stopp!

Für das zarte Geschlecht entwickelte Patek Philippe 1868 die erste Armbanduhr

Die Zeit hat ein neues Genie hervorgebracht: Abraham-Louis Breguet. Der Erfinder war ein Segen für die gesamte Uhr-Welt.

1800

Bei oberflächlicher Betrachtung erscheinen die Verbesserungen des Thomas Earnshaw an der freien Chronometerhemmung mit Feder eher geringer Natur zu sein. Doch seine Arbeiten beeinflussten die Präzisionszeitmessung auf hoher See während des 19. Jh. sehr positiv. Von dem englischen Pionier stammt ein Marinechronometer aus dem Jahr 1800 mit kardanischer Aufhängung des Werksbehälters.

Es liegt in der Natur der Sache, dass ovale Taschenuhren Probleme mit der Zeigerlänge haben. Bei der Nr. 1706 des englischen Uhrmachers William Anthony ist das nicht der Fall. Ihre Zeiger für die Stunden und Minuten wachsen und schrumpfen entsprechend dem Zifferblatt-Durchmesser. Bei der „12“ stellt ein klassischer Zeiger die Sekunden, bei der „6“ einer die Viertel davon dar. Das ovale Uhrwerk war mit einer Gangautonomie für acht Tage ausgestattet.

1806

Der Pariser Goldschmied und Uhrmacher Marie-Etienne Nitot überreichte seine beiden Meisterwerke an Kaiserin Joséphine. Die Armbänder, eines mit Uhr, das andere mit manuell schaltbarem Kalender waren als Geschenk an Amalie Auguste von Bayern gedacht.

1808

Dass die Erfindung des Tourbillons auf Abraham-Louis Breguet und das Jahr 1801 zurückgeht, ist allgemein bekannt. Vom genialen Erfinder stammt auch die Taschenuhr 1188. Hierbei handelt es sich um das dritte Uhrwerk mit Drehgang, Umlaufzeit vier Minuten, „escapement naturel“, Stoppsekunde und 36 Stunden Gangautonomie. Am 1. August 1808 kaufte sie Don Antonio von Spanien. Die Vorgänger tragen die Jahreszahlen 1805 und 1807.

1814

Wem sonst als Abraham-Louis Breguet konnte ein derart „sympathisches“ Uhrensemble einfallen? Es trägt die Nummern 666 und 721. Der spätere König George IV. von England konnte sich glücklich schätzen, diese „montre sympathique“ zu besitzen. Die präzise Tischuhr kontrolliert und stellt die in einer passenden Halterung platzierte Taschenuhr.

1821

meldete der Uhrmacher Nicolas Mathieu Rieussec seinen „Zeitschreiber“ zum Patent an. Das Instrument, welches sich erstmals bei einem Pferderennen auf dem Pariser Marsfeld bewährte, notierte Zeitintervalle in Form von Tintepunkten auf einem rotierenden Emailzifferblatt. Darüber hinaus besaß dieser innovative Stopper mit Zylinderhemmung einen digitalen zehn-Minuten-Totalisator.

1827

Die Leistungen des Abraham-Louis Breguet gipfelten in der ultrakomplexen Taschenuhr Nr. 160, „Marie Antoinette“ genannt. Ein Offizier der königlichen Garde orderte sie 1783 im Auftrage seiner Königin, die am 16. Oktober 1793 ihr Haupt unter die Guillotine legen musste. Die endgültige Fertigstellung erfolgte 1827, also nach dem Tod seines Schöpfers – die Komplikationen waren sehr umfangreich.

1838

Die Schlüssel zum Spannen der Zugfeder gingen oft verloren. Deshalb stellte u.a. die Firma des 1833 verstorbenen Louis Audemars am 25. März 1838 ihre erste Taschenuhr mit Kronenaufzug vor. Nach Betätigung eines Schiebers ließen sich auch die Zeiger per Krone richten. Die Söhne bemühten sich um Perfektionierung dieser Erfindung, welche wahrscheinlich auf das Jahr 1820 und Thomas Prest zurückging.

1838 bis 1843

Im Straßburger Münster entstand die dritte, in die Gehäuse des Dasypodius-Zeitmessers integrierte astronomische Uhr. Das teilweise auf dem heliozentrischen Weltbild basierende Konzept stammt von Jean-Baptiste Schwilgué. Zur Palette der Anzeigen gehören Mond, Planetarium, Himmelsglobus, Tierkreiszeichen. Der Mechanismus zeichnet sich durch einen  immensen Getriebe-Aufwand aus.

1844

Das vom Uhrmacher Adolphe Nicole ersonnene Teil ist winzig. Aber die kleine herzförmige Scheibe prägte die Geschichte der Kurzzeitmessung in entscheidender Weise. Sie gestattet die direkte Nullstellung von Stopp- und eventuell vorhandenen Zählzeigern für Minuten und Stunden aus jeder beliebigen Position. Ohne diese Erfindung hätte es keine Chronographen gegeben. Die Londoner Weltausstellung von 1862 brachte den ersten, mit diesem Herz ausgestatteten Nullstell-Chronographen, hergestellt von Henri Féréol Piguet, einem Mitarbeiter von Nicole & Capt.

1847

Endlich machte der sehnlichst herbeigewünschte Kronenaufzug für Taschenuhren die kleinen Schlüssel überflüssig. Die Neuerung beschäftigte u.a. Charles Antoine LeCoultre (1803-1881). Er präsentierte die erfolgreichste Version der Entwicklungen von Thomas Prest und Louis Audemars. In den ersten Ausführungen bedingte die Zeigerstellung per Krone das gleichzeitige Einschieben eines kleinen Drückers mit dem Fingernagel. Spätere Versionen funktionierten durch Herausziehen der Krone.

Gegen 1860

Constant Girard-Perregaux war ein begnadeter Uhrmacher. Das Tourbillon verkörperte für ihn die höchste Schule seiner Handwerkskunst. Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden in seinen Ateliers 20 Exemplare des legendären Tourbillons mit drei Goldbrücken. 1867 erhielt die Taschenuhr bei der Pariser Weltausstellung gleich zwei Medaillen.

1861

Das optimale, bis heute weitgehend unveränderte System des Kronenaufzugs ist Jean Adrien Philippe zu verdanken. Seine Kreation stützte sich auf Entwürfe von Breguet und Adolphe Nicole. Nach rund zwanzigjähriger Entwicklungsarbeit erhielt der Partner von Norbert Antoine de Patek am 27.9.1861 patentrechtlichen Schutz. Das komfortable „leere“ Rückwärtsdrehen der Krone bewirkte eine Art Ratsche.

Ca. 1864

Jules Jürgensen aus Kopenhagen präsentierte ein kompliziertes Uhrwerk mit der Nummer 10091. Das Musterbeispiel feinster Schweizer Handwerkskunst besticht durch ein aufwändiges Minutenrepetitionsschlagwerk und einen Schleppzeiger-Mechanismus. Auf dem extrem zurückhaltend gestalteten Emailzifferblatt findet sich nur das unbedingt Notwendige.

1865

Die astronomische Uhr in der Kathedrale von St. Pierre, Beauvais, Frankreich, kann als weltweit größte überhaupt gelten. Das Instrument entstand zwischen 1865 und 1868aus 90 000 Komponenten. Seine Höhe beträgt zwölf Meter, die Breite sechs Meter und die Tiefe nicht weniger als 2,7 Meter.

1867

Der Uhrmacher Georg Friedrich Roskopf wollte die Demokratisierung tragbarer Zeitmesser. Das gelang mit Hilfe eines möglichst simpel aufgebauten und kostengünstig herstellbaren Uhrwerks in Pfeiler-Bauweise. Darin fand sich eine einfache Stiftankerhemmung. 1867 erblickte „La Proletaire“ also „Proletarieruhr“ oder „Volksuhr“ das Licht der Öffentlichkeit.

1868

Patek Philippe stellte seine erste Armbanduhr her. An einem goldenen Armreif ist ein rechteckiges Gehäuse befestigt. Nach dem Aufklappen des mit einem großen Brillanten versehenen Deckels wird das Emailzifferblatt sichtbar. Das 8-steinige Baguettewerk mit Zylinderhemmung muss noch mit einem kleinen Schlüssel aufgezogen werden. Das Unikat wurde 1873 verkauft.

Ca. 1880

Aus der Werkstatt von Pierre Jaquet-Droz und Jean-Frédéric Leschot stammen ca. 1880 bezaubernde Uhren mit integrierten Automaten. Bei einer lyraförmigen Miniatur-Tischuhr, die das Uhrenmuseum le Locle zeigt, aktiviert der Zeitmesser zu jeder vollen Stunde einen kleinen Vogel, drehende Glasstäbe simulieren einen Wasserfall und ein Schwan passiert die Szene.

Die piezoelektrischen und damit auch für die Uhrenindustrie nutzbaren Eigenschaften des Quarzes entdeckte und erforschte der Franzose Pierre Curie (1859 -1906) bereits 1880. Kurz gesagt beginnt ein piezoelektrischer Kristall in jener Frequenz zu vibrieren, die eine angelegte Wechsel­spannung besitzt. Regt man ihn andererseits mechanisch zum Schwingen an, generiert der Quarz selbst eine Wechselspan­nung. Die Resonanzfrequenz resultiert einerseits aus der Größe des Kristalls selbst oder eines daraus geschnittenen Teils, zum anderen hängt sie ab von der Ausrichtung des Schnitts durch diesen Kristall.

1880 wurden die ersten Serien-Armbanduhren bei der Manufaktur Girard-Perregaux, La Chaux-de-Fonds bestellt und gefertigt. Der Auftrag stammte von Kaiser Wilhelm II., welcher die Armbanduhren für die Deutschen Kriegsmarine als Offiziers-Dienstuhren wollte. In den schlichten runden Gehäusen, die noch stark an Taschenuhren erinnern, ticken runde Uhrwerke mit einem Durchmesser rund 27 Millimetern. Zur Befestigung am Handgelenk dienen Kettenbänder. Ein Schutzgitter bewahrt das empfindliche Kristallglas vor Bruch.

1892

Die vermutlich weltweit erste Armbanduhr mit Minutenrepetition orderte Louis Brandt & Frère, Biel, bei Audemars Piguet in Le Brassus. Das 13-linige Rohwerk in Lépine-Bauweise (Aufzugskrone gegenüber der kleinen Sekunde) stammt von LeCoultre & Cie. Die Auslösung des Schlagwerks erfolgte über einen Schieber bei „3″. Am Staubdeckel steht zu lesen: „L. Brandt & frère Bienne (Suisse), 1, Rue d’Hauteville Paris. Hors Concours. Membre du Jury Paris 1889“. Übersetzt heißt das „vom Wettbewerb ausgeschlossen. Mitglied der Jury Paris 1889“. Die Gravur lässt darauf schließen, dass diese Armbanduhr 1893 im Rahmen der Weltausstellung in Chicago zu sehen war, dort jedoch nicht am Wettbewerb teilnehmen durfte, weil César Brandt als Vertreter von Louis Brandt & Cie 1889 bei der vierten Weltausstellung in Paris als Juror aufgetreten war.

1895

Der vermutlich erste Armbandchronograph mit der Signatur „Timing and Repeating Watch Co.” erschien. Dafür, dass das Gerät für das Tragen am Handgelenk konzipiert war, spricht die Gestaltung des Emailzifferblatts. Hier liegen die permanent mitlaufende Sekunde, der Totalisator und die Krone auf einer Linie. Auch die Verwendung eines Gehäuses (Basistyp Savonnette ohne vorderseitigem Sprungdeckel) spricht für diese Annahme. Die Guillochierung des Bodens nutzte sich im Laufe der Jahrzehnte durch das Tragen ab. Das patentierte Uhrwerk stammt von Alfred Lugrin aus New York, der auch Longines belieferte.

1896

Der am 15. Februar 1861 in Fleurier geborene und 1938 in Sèvres verstorbene Physiker Charles Edouard Guillaume erhielt 1920 den Nobelpreis in Physik als „Anerkennung des Verdienstes, das er sich durch die Entdeckung der Anomalien bei Nickelstahllegierungen und die Präzisionsmessungen in der Physik erworben hat.“

Guillaume entstammte einer Uhrmacherfamilie, studierte und promovierte 1883 an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Als Angestellter am „Bureau international des poids et mesures“ in Sèvres beschäftigte sich von Berufs wegen intensiv mit metallurgischen Dingen. Er entwickelte 1896 das Material Invar, ein Kürzel für invariabel. Dabei handelt es sich um eine Legierung aus Eisen und Nickel mit sehr geringem Wärmeausdehnungskoeffizienten. Damit ließen sich u.a. temperaturstabile Unruhspiralen und Pendelstangen fertigen.

Ab 1899

Als militärischer Ausrüstungsgegenstand hat sich die Armbanduhr vermutlich zuerst im Burenkrieg (1899-1902) praktisch bewährt. Diese Erfahrungen wirkten sich auch positiv auf dem zivilen englischen Markt aus. In der in der „Leipziger Uhrmacher-Zeitung“ veröffentlichte  das Schweizer „Omega-Uhren-Syndikat“ 1904 den Erfahrungsbericht eines britischen Artillerie-Offiziers: „Der Bedeutung Rechnung tragend, in einem aktiven Armee-Corps übereinstimmende Zeit zu haben, verschaffte ich mir vor meiner Abreise in Canada ein Dutzend Omega-Armbanduhren … Der ausgiebige Gebrauch während so viel Dienstmonaten in einem berittenen Corps ist sicher eine harte Probe, besonders wenn man die Extreme der Hitze und Kälte sowie des starken Regens und die fortwährenden Sandstürme … in Berücksichtigung zieht.“ Der Oberstleutnant kommt abschließend zu dem Urteil, dass die Armbanduhr „unerlässlicher Teil der Feldausrüstung“ sei.

In Teil 7 in unserer Serie geht es ins 20. Jahrhundert: Berühmte Uhrenmanufakturen werden erwachsen, die Marke Rolex wird geboren und erobert Uhrenliebhaber auf der ganzen Welt.

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