Heuer Autavia
Die eine – und sonst keine?

Seit nunmehr 55 Jahren gibt es das Stück Zeitgeschichte fürs Handgelenk. Jetzt hat die Marke ihren Klassiker neu aufgelegt. Besonders diese Version mit nicht ganz korrekter Teilung der Minutenzähler-Skala besitzt Zukunftspotenzial?

Die eine – und sonst keine?

Der Klassiker TAG Heuer Autavia wie er heute - technisch modernisiert - erhältlich ist

Am Anfang waren es chronometrische Bordinstrumente für Automobile und die Aviatik, also für die Luftfahrt. Aus den beiden Wörtern Auto + Aviatik generierten Charles-Edouard und Hubert-Bernard Heuer kurzerhand „Autavia“. An eine erfolgreiche Armbanduhr-Linie war da bei weitem noch nicht zu denken. Erst Anfang der 1960er Jahre stieß Jack W. Heuer auf das einprägsame Kürzel. Es gefiel im derart gut, dass er es direkt für eine neue Linie von Armband-Chronographen nutzte. 1962 war es dann soweit: die Stahl-Linie „Autavia“ war geboren.

Rasante Zeiten mit der Autavia

In den Referenzen 2446 (30-Minuten- und 12-Stunden-Zähler) und 3646 (30-Minuten-Totalisator) tickte das feine Handaufzugskaliber Valjoux 72 mit Schaltradsteuerung und horizontaler Räderkupplung. Mit der Vorstellung dieser Stopper begann die Geschichte eines chronographischen Mythos, der Sammler rund um den Globus begeistert. Bei vielen stellt die „Autavia“ andere Klassiker weit in den Schatten. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass sich internationale Größen im Automobilsport für diesen ausdruckstarken Zeitmesser begeisterten. Zu ihnen gehörte Jochen Rindt, der die Referenz 2446 in der dritten Ausführung am Handgelenk trug. Nicht zuletzt deshalb besitzt das Rindt-Modell echten Kultstatus. Mario Andretti setzte auf die 3646 in der dritten Ausführung. Im Laufe der Jahre erfuhren die beiden Start-Referenzen mehrere gestalterische Metamorphosen. 1968brachte zum Beispiel die Referenz 2446 GMT. Ihr Handaufzugskaliber Valjoux 724 verfügte über einen zusätzlichen 24-Stunden-Zeiger.

Auf neuem Kurs: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

Bekanntlich hatte sich Jack W. Heuer Ende der 196 -er Jahre an der Arbeitsgemeinschaft zur Entwicklung des weltweit ersten Armband-Chronographen mit Mikrorotor-Aufzug beteiligt. Das 1969 lancierte Kaliber 11 fand auch in die Autavia. Zunächst in die Referenz 1163, welche Jo Siffert, Clay Regazzoni, Derek Bell und Graham Hill am Handgelenk trugen. Trotzdem verlief der Verkauf dieser Stopper auf normalem Weg eher schleppend. Infolge der Quarzrevolution und ihrer Auswirkungen auf den Markt mechanischer Uhren entschloss sich Jack W. Heuer zu sehr unkonventionellen Vertriebsmethoden.  So legte Reynolds Tobacco in den USA einige Monate lang jeder Stange seiner Zigarettenmarke Viceroy einen Gutschein bei. Dieser autorisierte den Besitzer zum Erwerb eines modifizierten „Autavia”-Chronographen für lediglich 88 Dollar. Das Resultat konnte sich sehen lassen. Am Ende der Aktion hatte Heuer immerhin 16.000 Exemplare verkauft. Bleibt der Rennfahrer Gilles Villeneuve, der ab 1964 auf eine „Autavia“ Referenz 73663 mit dem Handaufzugskaliber Valjoux 7736 an seinem Arm blickte.

Eine erste Autavia-Renaissance brachte das Jahr 2003. An diesem Hommage-Modell mit dem „Calibre 11“, einem Mix aus Eta-Automatik und Dubois-Dépraz-Modul, hatte Jack W. Heuer in seiner damaligen Rolle als Ehrenpräsident von TAG Heuer mitgewirkt. Durch die modulare Bauweise des Innenlebens konnte die wegen des Selbstaufzugs eher selten benötigte Krone wie bei der Referenz 1163 auf der linken Gehäuseseite positioniert werden.

Die Rückkehr einer Legende

2017 kehrt die „Autavia“ in nie dagewesener Weise, nämlich mit einer echten Manufaktur-Automatik zurück in die Uhrenszene. Gestalterisch lag CEO Jean-Claude Biver und Generaldirektor Guy Sémon ein reinrassiges Retromodell absolut fern. Vielmehr ging es dem Führungsduo um eine Neuinterpretation unter altbekannten Gesichtspunkten. Zu diesem Zweck fand eine Befragung passionierter „Autavia“-Kenner statt. Puristen lehren ein Fensterdatum kategorisch ab. Letzten Endes ging der Entscheid aber doch zugunsten dieser beliebten Anzeige aus. Das Anwachsen des Durchmessers von seinerzeit 38 auf nunmehr 42 mm verlangte dem Designer-Team um Christoph Behling einiges ab. Mehr Größe bedingt beispielsweise auch andere Proportionen, damit das Ensemble am Ende auch wirklich gut aussieht.

Die innere Werte der Neuen

Im Inneren der Edelstahl-Schale kommt eine an sich alte, aber bislang noch nicht benutzte Chronographen-Bekannte zum Einsatz. Sie entstand noch unter der Ägide des früheren CEO Jean-Christophe Babin, der mittlerweile Bulgari leitet. Jean-Claude Biver legte den mit vier Hertz tickenden Mikrokosmos jedoch vorübergehend auf Eis. Einmal, um dem exklusiven, auf einer Seiko Konstruktion basierenden Automatikkaliber 1887 keine Konkurrenz im eigenen Haus zu machen. Andererseits, das ergaben ausgiebige Recherchen bei TAG Heuer, kam die 2013 zunächst als 1969 vorgestellte und nach Protesten der Schwester Zenith in CH-80 umgetaufte Mechanik mit insgesamt kleinen Kinderkrankheiten zur Welt.

Die Konstruktion war eine Verbindung des günstig herstellbaren Chronographenwerks mit Schaltradsteuerung plus  Schaltrad-Kaliber mit Vertikalkupplung sowie 30-Minuten- und 12-Stunden-Zähler in horizontaler Anordnung. Auf diese Weise entsteht die – fälschlicherweise – oft „Tri-Compax“-bezeichnete Optik, während die Totalisatoren beim 1887 analog zum Valjoux 7750 in senkrechter Linie verlaufen. Das Spannen des großen Federhauses, welches beruhigende 80 Stunden Gangautonomie sicherstellt, besorgt ein Kugellagerrotor. Der wirkt, wie auch das Pendant im bewährten 7750 nur in einer Richtung, was der Aufzugs-Effizienz keinen Abbruch tut.

Auf der Zielgeraden

Damit es die neue, ab 2017 erhältliche „Autavia“ mit Leben erfüllen darf, musste das aus 233 Komponenten zusammengefügte Oeuvre einen gründlichen Optimierungsprozess durchlaufen. Im Zuge dessen erhielt das Uhrwerk eine dickere und damit auch stabilere Chronographenbrücke. Neben den Schaltrad ist sie das einzige Bauteil, das von Schauben gehalten wird. Ansonsten kommt das zeitschreibende Schaltrad komplett ohne Schrauben aus. Alle anderen Bauteile werden dank genialer zukunftsweisender Konstruktion lediglich zusammengesteckt. In ihrer Position bleiben sie meist durch die funktionsbedingten Halte- oder Druckfedern. Das reduziert die Montagezeit gegenüber konventionellem Werkbau um etwa die Hälfte, was sich logischer Weise positiv auf den Publikumspreis auswirkt. Selbiger soll, wie Jean-Claude Biver verdeutlichte, spürbar unter 5.000 Euro liegen.

Boxenstopp in Chevenez

Der aktuellen Kaliber-Klassifizierung folgend, wird dieses Uhrwerk fortan „Heuer 02“ heißen. Seine tragenden Teile, also die Platine, Brücken und Kloben entstehen in Chevenez. Dort, wo TAG Heuer seit 2013 eine eigene Fabrikationsstätte unterhält, erfolgt künftig auch die Montage der Werke. Die Räder und Stahlteile liefern, wie auch anderswo, erfahrende Fabrikanten zu. Zu haben sein wird der Newcomer in zwei Versionen: einmal unlimitiert mit Sichtboden und zum anderen als Hommage an den 85. Geburtstag von Jack W. Heuer im Jahr 2017 in einer Auflage von 1.932 Exemplaren. In diesem Fall erinnert der massive Boden an den betagten, aber weiterhin ungemein engagierten Vater der „Autavia“.

Lesestoff für Fans

Wer mehr zur Genese der Heuer „Autavia“-Armbanduhren wissen möchte, sollte sich das extrem informative Buch „Heuer Autavia Chronographs 1962 – 1985“ von Richard Crosthwaite und Paul Gavin zulegen (An dieser Stelle einen herzlichen Dank an Richard und Paul für die freundliche Genehmigung, Fotos aus ihren reich bebilderten Werk zu verwenden.)

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